Sonntag, 3. März 2019

Die Kornmutter - Ein volkskundlicher Beitrag zum alten Feen- und Aberglauben

Frau Holle - Zeichnung©Ute Knieriemen-Wagner

Wenn ich als Kind im Hochsommer durch das Küchenfenster den vom Wind bewegten Weizen auf dem Feld des alten Bauern Müller beobachtete sagte meine Großmutter oft zu mir: „Die Kornmutter geht durch das Feld“. Das war in den 1960er Jahren. Es ist verblüffend wie lange sich der alte Feenglaube erhalten hat. Grund genug für mich ihm ein wenig intensiver auf den Grund zu gehen.
Allgemein verbreitet war dieser Glauben. Er zog sich über ganz Europa. Mit einer Vielzahl lokaler Namen bezeichnet waren Feen für die Landbevölkerung anscheinend real existierende Wesen. Sie waren meistens von kleinem Wuchs und man sagte ihnen nach das sie über Zauberkräfte verfügen würden. Sie hausten unter der Erde im Wald, im Wasser oder auf dem Feld. Auch gab es spezielle Hausgeister. So fütterte meine alte Großmutter, Gott sei ihrer Seele gnädig, regelmäßig eine Kreuzspinne über Jahre hinweg, die unter unserem alten Küchenherd hauste. Für sie war die Spinne der gute Hauskobold. Als Kind waren für mich Winds-braut und Frau Holle ebenfalls reale Wesen.
In den volkskundlichen Überlieferungen über Feen und Naturgeister kommen widersprüchliche Einstellungen zum Ausdruck. So gibt es böswillige und gefährliche Zauberwesen, die dem Menschen Schaden beibringen und es gibt die gute Fee und den guten Kobold.
In vielen Teilen Europas war die Auffassung verbreitet, dass im heranreifenden Getreide ein Korngeist hause. In vielen Gegenden stellte man sich darunter ein weibliches Wesen vor dass wahrscheinlich auf die alte Demeter zurückzuführen ist. „So hat Mannhardt behauptet, das der erste Teil von Demeters Namen von einem angeblich kretischen Worte „deai“, Gerste, hergeleitet sei, und das demnach Demeter nicht mehr und nicht weniger bedeute als Gerstenmutter oder Kornmutter, denn die Wurzel des Wortes scheint von den verschiedenen arischen Stämmen auf verschiedene Getreidearten angewendet worden zu sein“, so lesen wir bei Frazer in seinem „Goldenen Zweig“.
In anderen Gegenden wiederum stellte man sich dieses Kornwesen als Ziege, Kalb, Katze oder Kaninchen vor. Eben so wie für meine Großmutter eine Kreuzspinne zum Hauskobolden wurde.
Der Vorgang des Getreideschneidens und Dreschens wurde als „Tötung“ der Kornmutter angesehen.
So sah man in dem langsamsten Schnitter, also dem der die letzte Garbe schnitt den „glücklichen Schnitter“ und stellte ihn in den Mittelpunkt von Ernteritualen. Die zu letzt geschnittene Korngarbe wurde zu einem Kranz gewunden und meist im Stall oder an der Haustür angebracht. Sie sollte Haus und Hof Glück bringen, das Vieh vor Krankheit schützen und vor allem im nächsten Jahr eine gute Ernte einbringen. Frazer als auch Mannhardt sahen in diesem Ritual ein uraltes, archaisches Opferritual. Bestimmt haben sie recht doch die Rituale um den Korngeist oder die Kornmutter hatten noch einen weiteren realen Sinn. Die Funktion des Korngeistes diente auch als Schreckgespenst. Es sollte ganz einfach verhindern das jemand das reifende Korn niedertrat. So wurde unter anderem die „Roggenmutter“ als ein furchtbares Wesen geschildert. Eine Variante der Roggenmutter die in Deutschland beheimatet war sah man als Furcht einflößende Hexe mit eisernen Brüsten, der man nachsagte sie schlage kleine Kinder tot wenn diese dass Roggenfeld betreten würden.
In der russischen Folklore finden wir die „Polewiki“, sie trug eine Sichel bei sich mit der sie Trunkenbolden die in das Getreidefeld trampelten den Bauch aufschlitzte. In Schweden finden wir den „Kornbock“, einen Geist in Ziegengestalt, der im laufe des Jahres immer größer wurde und jenen die ins Kornfeld hinein trampelten aufspießte. In Schlesien schärfte man den Kindern ein: „Der Wolf sitzt im Kornfeld und wird euch in Stücke reißen“.
Insgesamt aber galt die Kornmutter als fruchtbringender Geist und die Ahnin dieses Korngeistes dürfte zweifelsohne Demeter sein.
Im volkskundlichen Brauchtum fließen Überzeugungen zusammen, die weit in unsere Vergangenheit zurückreichen und häufig disparate oder widersprüchliche Vorstellungen über die Welt in sich vereinen. Animistische, magische, dämonische und apotropäische Ansichten verbinden sich friedlich mit dem christlichen Glauben. Zwar sind böse Feen und Dämonen im Volksglauben sehr oft anzutreffen, aber die Gestalt eines über ein regelrechtes Reich des bösen herrschenden Satans ist eine spezifisch christliche Vorstellung. Die friedliche Koexistenz zwischen dem katholischen Glauben und den überlieferten Volksbräuchen, die vor allem den Landbewohnern so viele tröstliche Rituale zum Schutz vor überirdischen Mächten und zur Markierung des Jahresablaufs lieferte, erfuhr ihre erste Störung durch den „Bildersturm“ der Reformation. Von einem Tag auf den andern war der Gebrauch von Heiligenbildern, Weihwasser, geweihten Palmzeigen verboten. Die Heiligenfeiertage wurden abgeschafft, Wallfahrtstätten geschlossen. Diese Erfahrung war für die damalige Landbevölkerung ein tiefes Traumata. Was an volkstümliche Riten gesammelt wurde geriet langsam in Vergessenheit. Dennoch sind bis in unsere Zeit volkstümlicher Aberglaube und Bräuche ein integraler Bestandteil des ländlichen Lebens geblieben.Dies kann man an den Jahresfesten Ostern, Sonnwendfesten, Samhain ect. Sehr gut verfolgen. Auch Goethe hatte Sympathie für den „alten Glauben“. Im Jahre 1777 schrieb er an Johann Kaspar Lavater: „Dein Durst nach Christus hat mich gejammert. Du bist übler dran als wir Heiden, uns erscheinen doch in der Noth unsere Götter“.
Im jahre 1961 schrieb der Psychologe Carl Gustav Jung: „In dem Maße, wie unser wissenschaftliches Verständnis zugenommen hat, ist unsere Welt entmenschlicht worden. Der Mensch fühlt sich im Kosmos isoliert, weil er nicht mehr mit der Natur verbunden ist und seine emotionale <unbewusste Identität> mit natürlichen Erscheinungen verloren hat. Diese haben allmählich ihren symbolischen Gehalt eingebüßt. Der Donner ist nicht mehr die Stimme eines zornigen Gottes und der Blitz nicht mehr sein strafendes Wurfgeschoss. In keinem Fluss wohnt mehr ein Geist, kein Baum ist das Lebensprinzip eines Mannes, keine Schlange die Verkörperung der Weisheit, keine Gebirgshöhle die Wohnung eines großen Dämons. Es sprechen keine Stimmen mehr aus Steinen, Pflanzen und Tieren zu Menschen und er selbst redet nicht mehr zu ihnen in dem Glauben, sie verständen ihn. Sein Kontakt mit der Natur ist verlorengegangen und damit auch die starke emotionale Energie, die diese symbolische Verbindung bewirkt hatte“.
Die Volkskunde will Verständnis für Brauchtum und Aberglauben wecken und sucht nach Erklärungen der Märchen und Sagen.
Jakob Grimm schrieb 1835 in seiner „Deutschen Mythologie“ in dem Abschnitt „Aberglaube“:
„Unter Aberglauben ist nicht der gesamte Inhalt des heidnischen Glaubens zu verstehen, sondern die Beibehaltung einzelner heidnischer Gebräuche und Meinungen. Der bekehrte Christ verwarf und verabscheute die Götter der Heiden, in seinem Herzen blieben aber noch Vorstelllungen und Gewohnheiten haften, die ohne offenen Bezug auf die alte Lehre der neuen nicht unmittelbar zu widersprechen schienen. Da wo das Christentum eine leere Stelle gelassen hatte, wo sein Geist die roheren Gemüter nicht sogleich durchdringen konnte, wucherte der Aberglaube oder Überglaube. Niederdeutsch sagt man Biglove, Beiglaube. Er bezeichnet ein im einzelnen Menschen fortbestehendes Verharren der Ansichten, welche die große Menge vernünftig fahren lässt“.

©hukwa

Baumseele - Foto©UteKW


Literaturhinweise:
James Frazer: Der goldene Zweig
Paul Herrmann: Deutsche Mythologie
W. Mannhardt: Die Korndämonen.
J. Simpson: Volkstümliche Erzählungen und Bräuche.
Carl Gustav Jung: Gesammelte Werke.
Goethe: Gesammelte Werke.
Hans Wagner: Die Macht des Aberglaubens.
Helmut Hiller: Lexikon des Aberglaubens.
Jakob Grimm: Deutsche Mythologie.