Sonntag, 20. Januar 2019

Das Erzbergwerk der Gienanths im Kaiserslauterer Reichswald


 
Foto©Hans Wagner
Im Mai 1725 begann der Trippstadter Hüttenbesitzer Freiherr von Hacke mit dem planmäßigen Abbau von Eisenerz im Reichswald bei Kaiserslautern.
Am 5. Januar 1771 schloss der Sohn des Bergwerkgründers, Freiherr Theodor von Hacke mit Johann Jacob von Gienanth aus Hochstein einen Pachtvertrag über das Trippstadter Eisenwerk ab, zu dem auch das Erzbergwerk Reichswald gehörte. Der Vertrag hatte eine Laufzeit von zunächst zwölf Jahren. Darin wurde Gienanth das Recht eingeräumt, Arbeiter nach seinem Gutdünken einzustellen oder zu entlassen und Streitigkeiten unter den Arbeitern zu schlichten.
Den Bergarbeitern wurden an Rechten zugestanden: Fronfreiheit, Freiheit von Kriegslasten, freier Zu- und Wegzug, Nutzung von Gärten und dergleichen mehr.
Seit dem Mittelalter wurde den Berg- und Hüttenarbeitern in den Bergordnungen ein Sonderstatus, die „Berg- und Hüttenfreiheit“ garantiert. Die kurpfälzische Bergordnung (1781) und die Bergordnung für das Herzogtum Pfalz–Zweibrücken (1743, 1782, 1790) regelten die Belange der fremden, d.h. nicht ortsansässigen Arbeiter. Sie hatten das Recht auf eine Wohnung auf dem Werksgelände, bestehend aus einer Küche, einer Stube und einer Kammer, einem Stall für eine Kuh sowie ein Stück Garten und Wiese. Sie genossen wie oben erwähnt freien Zu- und Abzug, die Befreiung von Fron, Dienst und Schatzung, die Freiheit Güter zu kaufen, die Erlaubnis beim Berg- und Hüttenwerk gegen die Einrichtung eines Rauchhuhnes (3 Batzen) Häuser zu bauen, den Weidegenuss auf der Gemeindeweide für ihr Vieh und das Recht auf Holzeinschlag für den privaten Gebrauch.

Für die Leibeigenen Untertanen galt die Hüttenfreiheit allerdings nur in eingeschränkter Form. So wurden diese nicht von den Fronabgaben befreit und da sie ja Leibeigene waren, am freien Abzug gehindert. Weil ein ununterbrochener Grubenbetrieb gewährleistet sein musste, entfielen die Handdienste für die Herrschaft und die Einberufung zum Militärdienst.
Mit Beginn des Abbaus von Erz im Reichswald entstand die älteste Stadtrandsiedlung von Kaiserslautern, Erzhütten–Wiesenthalerhof, die also letztendlich eine Gründung von Hacke war. Hacke erlaubte seinen Grubenarbeitern sich Lehmhütten zu bauen. Unter Gienanth wurde die Siedlung immer größer.
Wenn wir heute Erzhütten besuchen erkennen wir rechts und links der Straße, zwischen dem Teil der Katholischen Kirche und des oberen Wiesenthalerhofs, die tiefen Gruben, wo einst im Tagebau das Raseneisenerz gewonnen wurde. Der Straßennamen „Am Stollen“ erinnert an einen hier um 1790 betriebenen Erzabbau. Das diese Arbeit nicht ungefährlich war, erfahren wir aus einem Eintrag im Kirchenbuch „Höfe und Mühlen“ der reformierten Gemeinde Kaiserslautern: „Peter Schopper Bergmann aus dem Reichswald, wurde den 13. Juny 1798 in der Bergwand von einem losgerissenen Stück Erde erdrückt und ist den 14. Juny begraben worden, alt 32 Jahr“.

In „Eine Siedlung im Reichswald, die Erzhütten“ schreibt Heinz Friedel: „Im Jahre 1777 verstarb Bergrat Gienanth. Dessen Witwe und sein Sohn Gideon vereinbarten 1780 einen auf 30 Jahre vorgesehenen Temporalbestand mit v. Hacke. Dieses Vertragsverhältnis sollte aber durch die spätere Nationalgüterversteigerung erlöschen, da ja Eigentum des Adels in den neugewonnenen Landen Frankreichs am Rhein dem Staat zugefallen war. Man erkennt auch in dieser vorliegenden Sache die neue Lage da ein „Herr von Babo“, ein Spekulant wohl, als Verkäufer für das einstige Eigentum der v. Hacke auftritt. 1804 erwarb Ludwig v. Gienanth als „wohlfeiler Kauf“ das Trippstadter Werk und für das Bergwerk im Reichswald hatte er 20 Gulden zu zahlen“.
Gienanth kaufte nicht das Land sondern nur das Schürfrecht im Reichswald.
Ab 1805 verringerte sich die Erzförderung. Die Gruben waren langsam ausgeschöpft. Im Jahre 1810 förderte man mit 9 Arbeitern 4.000 Zentner Erz. 1811 waren für Gienanth noch 11 und 1812 noch 6 Arbeiter tätig. Diese förderten in diesem Jahr 3.992 Zentner Raseneisenerz. Aus einem Bericht des Bergbauinspektors Simon vom Bergamt Kaiserslautern geht hervor dass 1814 in der „Reichswalder Grube“ noch 1 Steiger, 4 Hauer und 3 Karrenläufer arbeiteten. Zu dieser Zeit war nur noch der im Jahre 1798 angelegte Stollen in Betrieb. Er hatte eine Länge von etwa 140 m und verlief zum Teil unterirdisch. Im Jahre 1825 wurde der Bergbaubetrieb im Reichswald eingestellt.

Seit 1775 erfolgte durch Johann Jakob Gienanth die Erschließung neuer Erzvorkommen auf kurpfälzischem Gebiet: in Jettenbacher und Rothselberger Gemarkung (Oberamt Lauterecken bzw. Lautern), seit 1781 auch in Kreimbach und Roßbach. Seit Beginn der 20ziger Jahre des 19. Jahrhunderts wurden verstärkt Erze aus rheinhessischen Gruben bezogen: ab 1822 aus Gauheppenheim und ab 1828 aus Wißberg. Von 1840 an wurde der Erzbedarf in allen pfälzischen Hütten durch Nassauer Erze aus Gruben bei Limburg, Usingen und Diez gedeckt. Dies gilt auch für die Hütte Schönau, die für ihre Erze vom 16. bis 18. Jahrhundert hauptsächlich aus Nothweiler und der Petronell bei Bergzabern, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch aus Birkenhördt und Dörrenbach und seit 1810 aus der Niederschlettenbacher Grube bezogen hatte.

Es gab immer wieder Zu- und Umzüge von Trippstadter Arbeitern nach Erzhütten und umgekehrt. Dies kann man zum Teil auch nachschlagen im „Trippstadter Bürgerbuch“ von Heinrich Haas.
In den Kirchenbüchern von 1730 findet man Einträge, die auf eine ständige Besiedelung im Gebiet von Erzhütten-Wiesenthalerhof hinweisen. 1729 heiratet Ludwig Preis „ex silva prope Kaysermühl (= aus dem Wald nahe bei der Kaysermühl). Mit „silva“ (=Wald) werden einige Einträge auf Erzhütten bezeichnet. Im Jahre 1735 vermerkt das lutherische Kirchenbuch den Tod der Ehefrau des Bergmanns Ludwig Müller. 1737 finden wir einen Johannes Keßler dessen Kind getauft wird. Mit der Notiz „Johannes Keßler ein Bergmann unweit der Kysermühl“.

Als erste Bewohner der Erzhütten sind zu nennen: Die Katholiken Johann Martin Fuchs (1747), Hubert Glaser (1747), Michael Kläßer (1746), Anton Hessel (1746), Gallus Molitor (1746), Conrad Regener (1746), Anna Maria Reichener (1746), die Reformierten Heinrich Schoppert, Anna Elisabetha Schoppert (1746 Patin bei Johann Georg Diehl), der Lutheraner Christian Wormser.
Sowie Verwandte der Familie Diehl. Johann Jacob Diehl war der Sohn des Christian Diehl aus Rutsweiler, der im Schatzungsregister des Oberamtes Lautern aus dem Jahre 1683 erwähnt wird.
Ein neuer Strom von Arbeitern und Bergleuten erfolgte um das Jahr 1752. Hier sind zu nennen:

Franz Daniel Anstoß (aus Siegelbach, 1753), Johann Beul (1752), Johann Brühl (1754), Andreas Berck (1752), Michael Fuchs (1754), Johann Jacob Fuchs (1754), Martin Fuchs (1754), Anton Schmidt (1752), Philipp Schmidt (1754), (sämtliche Katholiken).
Um 1765 kam es zu einer erneuten Zuwanderung:
Carl Lantz (1765), Abraham Metzger (1765), Conrad Mosman (1764), Johann Schweikhardt Reiger (1765), Wilhelm Boulliong (1768), diese Familie siedelte 1800 in die Eisenhütte nach Trippstadt.
1765 erscheint in einer Beurkundung im reform. Kirchenbuch Erfenbach, Philipp Peter Lüll und 1761 wird im lutherischen Kirchenbuch Georg Wendel aus Frankelbach genannt, dieser verschwägerte sich mit der Erzgräberfamilie Diehl. Diese Familie hatte eine führende Rolle in der Erzgräbersiedlung inne. Sie kam aus der Umgebung von Wolfstein.

hukwa

Literatur Hinweise:
Theodor Zink: Der Blechhammer bei Kaiserslautern
Johann Wagner: Briefe, Tagebuchaufzeichnungen
Helmut Weyand: Niedergang des Arbeiterbauerntums
Hans Wagner: Gab es auf Erzhütten – Wiesenthalerhof ein Bergmannsbauerntum
Heinz Friedel: Eine Siedlung im Reichswald, die Erzhütten.
Theodor Zink: Der Blechhammer bei Kaiserslautern.
Heinrich Haas: Trippstadter Bürgerbuch
Hans Wagner: Zur Geschichte des Blechhammers Kaiserslautern

Samstag, 19. Januar 2019

Burg Hohenecken - eine Burg des Kaiserslauterer Burgenrings

Foto©UteKW

Eine Burg diente im Mittelalter für wohnliche Zwecke hatte aber in der Regel auch immer eine militärische Funktion. Vom frühen Mittelalter bis zum Anfang der Neuzeit hat die Burg eine stete Entwicklung gehabt. Der baugeschichtliche Wandel und die Entwicklung der Burg waren immer von den sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Zuständen der jeweiligen Zeitepochen abhängig.
Vom frühen Mittelalter bis etwa ins 10.Jh. Hinein versteht man unter dem Begriff Burg eine großräumige Anlage meist auf einem Berggipfel erbaut, die mit Erdwällen und Holzpalisaden umgeben war. Diese Burgen waren vorwiegend Fluchtburgen. Die Burgen und Burgruinen so wie wir sie heute kennen, mit ihren trutzigen Mauern, sind fast ausschließlich Burgen des späteren Mittelalters. 
Foto©UteKW
 
Wie die Anlage von Städten gehörte auch der Burgenbau zu den Königsrechten.
Die vollständige und konsequente Durchsetzung dieses königlichen Rechtsanspruchs war jedoch nicht möglich, so dass der mit übertragenen und eigenständigen Herrschaftsrechten ausgestattete Adel seit dem 12.Jh. Seine festen Häuser burgartig ausbaute. (Wilhelm Volkert).
Viele Burgherren benannten sich nach ihren Burgen, wobei die Burg und die meist später sich um die Burgen entstandenen Siedlungen und Ortschaften sich in der Regel nach den Grundwörtern -stein, -haus, berg,- burg,- fels,- oder eck nannten. Wie z.B. Hohenecken.

Bei Burg Hohenecken kann man davon ausgehen dass ihe Erbauungsgeschichte mit dem Neubau der Kaiserslauterer Barbarossaburg zusammenhängt. Sie entstand wohl in der Mitte des 12.Jahrhunderts. Nach den Stilmerkmalen fällt ihr Bau in die Mittte des 12.Jh. Bis in die ersten Jahrzehnte des 13. Jahrhunderts. Die Burg war keine direkte Reichsburg sondern der Sitz der Reichsministerialien von Hohenecken. Strategisch hatte die Burganlge die Aufgabe die großen Durchgangsstrassen im Reichsland Lautern zu Sichern. Zu der Zeit der Erbauung der Königspfalz in Lautern setzte im ganzen Umland der Bau eines großen Burgenkranzes ein (Kaiserslauterer Burgenring), der neben der militärischen Sicherung auch die verwaltungsmäßige Erfassung des Gebietes, etwa zum Einzug der Steuern und Ausgaben und zur Intensivierung des Landesausbaus, zum Zweck hatte.
Die Herren von Hohenecken sind mit größter Wahrscheinlichkeit Nachkommen des im Jahre 1214 von Kaiser Friedrich II mit dem Ramsteiner Patronatsrecht beschenkten „fidelis noster Reinhardus de Lutra“. Mehr über dieses Rittergeschlecht in meinem Artikel „Aufstieg und Fall der Hohenecker“ (Literaturhinweise). Diese Familie besetzte für Jahrzehnte das Amt des Reichsschultheißen von Lautern.
Der bedeutenste unter den Vorfahren der Hohenecker war zweifellos der Hofbeamte Heinrich, der sich 1177 noch Heinrich von Lautern nennt. Er war von 1184 -86 Marschall bei Kaiser Barbarossa und hatte als solcher die Leitung des inneren Heeredienstes; von 1187 – 91 wird er als Kämmerer, von 1191 -97 als Schenk, dem die Oberaufsicht über die kaiserlichen Kellereien und Weinberge oblag, verzeichnet.
Burg Hohenecken liegt nördlich des gleichnamigen Dorfes auf einer Bergzunge. Der gesamte Burgenkomplex ist recht groß, hat eine Länge von 80m und eine Breite von von 50m, sie besteht aus der auf einer Felsenplattform stehenden Oberburg (Ruine) und aus einer nur wenige Meter unterhalb gelegenen unteren Burg.
Vom älteren Teil der Burganlage, der oberen Burg steht noch eine mächtige hochaufsteigende Ruine. Der Zugang zu ihr lag auf der Südostseite, leider ist keine Toranlage mehr vorhanden. Die Gebäuden der oberen Burg schlossen sich um einen engen, schmal zulaufenden Innenhof. Die Schildmauer der Anlage ist noch ganz erhalten, vom Turm sind große Teile abgebrochen. An der Innenseite des Turmes erkannt man zwei gerundete Kragensteine und man kann davon ausgehen das mindestens noch ein weiterer Turm vorhanden war.
Die untere Burg hatte ihren Zugang in der Ostecke. Hier stehen noch zwei Flügelmauern.
Burg Hohenecken war neben der Reichsburg zu Kaiserslautern und der Burg Nanstein in Landstuhl eine der bedeutensten Burgen im Gebiet um Kaiserslautern. Die Burganlage gehört mit Gräfenstein und Trifel zu den eindrucksvollsten Burganlagen der Hohenstaufen in der Pfalz.
Der Begriff „Reichsburg“ bedarf einer kurzen Erläuterung. Er ist weder besitzrechtlich noch vom Lehenswesen her, sondern politisch – historisch und ideologisch zu verstehen. Besitzrechtlich gab es Burgen im Immediatbesitz des Reiches oder des Kaisers, die durch Beamte (Ministerialien wie eben die Hohenecker) erbaut und verwaltet wurden. Andere Burgen waren als Lehen des Reiches im Besitz, adliger Grundherren. Das „ius munitionis“, das Recht zum Bau von Wehranlagen war bis 1231 ein Reichsrecht (Constitutio in favorem principum, Worms, 1231, Mai1, bestätigt in Cividale 1232, Mai); es war aber schon wie oben erwähnt in vielen Fällen ursurpiert oder verliehen worden.
Zum Burgenbau wurden die Untertanen und Leibeigenen verpflichtet. Doch diese verrichteten nur die Grobarbeit und Hilfsdienste. Bei fast allen Burgen waren es die Bauhütten die man beauftragte eine Burg fertigzustellen. Noch heute finden sich an vielen Burgen die „Steinmetzzeichen“ der Steinmetze und Steinhauer die an den jeweiligen Burgen gearbeitet haben. So auch bei Burg Hohenecken und ihrer Nachbarburg Wilenstein (Trippstadt). Diese wandernden Werkstätten, die mit Dutzenden von Facharbeitern durch die Lande zogen, übernahmen also das was die Hilfsarbeit der Fronbauern nicht zu leisten imstande waren. „Die Künste der Statik,bei Festungsbauten mitunter noch waghalsiger, jedenfalls wichtiger als im Kirchenbau, die Einsicht in Möglichkeiten von Mauern und Türmen an Ort und Stelle, Brückenbau und Erkerkonstruktionen haben die Werkmeister dem Pergament nicht anvertraut, allenfalls dem Reißbrett, der hölzernen Schreibunterlage (Ferdinand Seibt: Glanz und Elend des Mittelalters). 
Foto©UteKW
 
Geschichte und Geschehen, so steht es in den Handbüchern für Historiker, sind durch drei Konstanten festgelegt: durch den Ort, durch die Zeit und durch die Menschen, dies erkennt man besonders wenn man über den mittelalterlichen Burgenbau nachforscht.
Eine solche Burgründung wie die Hohenecken, muss stetes als Gunstbeweis des König oder Kaisers gesehen werden und bedeutete für die Standesentwicklung der Ministeralien von Hohenecken einen Emanzipationsschritt aus der Unfreiheit heraus (Ministerialien waren keine Freien sondern Edelknechte), da diese Burg höchstwahrscheinlich als Dienstlehen im Besitz dieses Ministerialiengeschlechts war.

hukwa

Literaturhinweise:
Hans Wagner: Aufstieg und Fall der Hohenecker – eines kath. Adelsgeschlechtes; Vom Wandern.
Wilhelm Volkert: Von Adel bis Zunft; Lexikon des Mittelalters.
Walter Hotz: Pfalzen und Burgen der Stauferzeit.
Horst Fuhrmann: Einladung ins Mittelalter.
Franz Seibt: Glanz und Elend des Mittelalters.
Volker Rödel: Die Reichsburgmannschaft von Lautern; Jahrbuch z.Gesch. v. KL u. Ldkr. B.14/15.
L.A.Doll: Das Reichsland Lautern im Mittelalter; Jb.z.Gesch.v.KL.u.Ldk.KL.B.3.1965.
Hans Wagner: Burgfrieden v.Wilenstein; Heimatjahrbuch d.Ldk.Kaiserslautern 2019.









Sonntag, 13. Januar 2019

Von Waldortsnamen, Flurnamen und steinernen Zeugen aus Trippstadt und Umgebung

 
Amseldell - Foto©UteKW
Die alten Waldortsnamen und Flurnamen in unseren heimischen Wäldern geben dem der sie versteht ein lebhaftes Bild unserer Vergangenheit. Aber auch die alten Steinkreuze und Grenzsteine die wir in den Wäldern vorfinden, erzählen uns Waldgeschichte. Märchen, Sagen, aber auch wahre Begebenheiten ranken sich um diese uralten Steingebilde. Daneben befinden sich noch einige weitere geheimnisvolle Steinsetzungen verschiedener Art, deren Bild oft dafür spricht, dass sie nicht von der Natur geschaffen worden sind. So die mächtigen Menhire aus vorkeltischer Zeit, von denen wir einige in unserem „steinreichen Landkreis“ vorfinden.

Bei den hier beschriebenen Waldabteilungen handelt es sich um die historischen Waldungen des einstigen Wilensteiner Landes, sowie um die Wälder in nächster Nachbarschaft, wie z.B. der Finsterbrunnerwald, der Hornbacherwald und die Frankenweide bei Johanniskreuz, die ja auch Teil der pfälzischen Haingeraiden war.
Es muss für den Heimatforscher durchaus legitim sein, wenn er Anleihen außerhalb seiner Ortsgrenzen sucht um hießige Strukturen zu erklären, wenn dafür vor Ort keine Quellen und Urkunden mehr vorhanden sind.

So heißen einige Waldortsnamen in den Trippstadter Forsten:
Großer Rothenberg, Kleiner Rothenberg, Bauwald, Speßberg, Katzenstich, Großer Schwanenberg, Kleiner Schwanenberg, Glastal, Finsterkopf, Etzenleber, Bremmen–Roth, Scheidwald, Eulenberg, Mühlenberg, Hirschsprung, Kohlhübel, Thiergarten, Wüstenthal, Heydenkopf.
Namen, die an sich leicht deutbar sind, wie z.B. Katzenstich der auf Wildkatzen zurückzuführen ist, der Name Hirschsprung auf Hirsche, der Eulenberg auf Eulen und beim Kohlhübel wurden in früheren Zeiten Holzkohle hergestellt. Das Wüstenthal ist der alte Name des heutigen so romantischen Karlstals, das für Menschen in früheren Zeiten wohl ein „wüstes“ (unbegehbares) Tal war.
Der Waldortsname Ungeheuertal in der oberen Frankenweide hat nichts mit Waldungeheuern zu tun, sondern er besagt, dass dort in der Mittagszeit das Vieh „geungert“, d.h. geruht hat. Auch im Leinbachtal bei Waldleiningen finden wir eine solche Waldabteilung, das „Ungertal“.
Die Frankenweide wurde schon in der Merowingerzeit als Waldweidebezirk gebildet. Heute gehört nur noch der nördlichste Teil der historischen Oberen Frankenweide zu Forstamt Johanniskreuz. In früheren Zeiten berührten sich bei der Frankenweide auch die Grenzen zur Haingeraiden.
Haingeraiden waren Waldgebiete die, ähnlich anderen Formen, wie Ganerbwäldern, der Mundatwald, der Stumpfwald und der Reichswald bei Kaiserslautern auf genossenschaftlicher Basis von einer Reihe von Dörfern gemeinsam genutzt wurden. Die Ursprünge dieser gemeinschaftlichen Nutzung reicht in fränkische Zeiten zurück und ihre Blüte lag in der Zeit vor dem Aufkommen der Territorialstaaten. Die wirtschaftliche Bedeutung dieser Waldnutzung (der Haingeraiden) für die Gemeinden war sehr hoch, ging es doch um überlebenswichtige Güter wie Bau und Brennholz, Waldmast und Waldstreu. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die Haingeraidenwälder aufgeteilt. Erwuchsen den Genossenschaften doch schon recht früh habgierige Feinde in den adligen, kirchlichen und weltlichen Grund- und Landesherren, die sich der Haingeraidenwälder zu bemächtigen versuchten.
Pionierweg - Foto©UteKW

Ein weiteres historisches Waldgebiet das an die Trippstadter Waldungen grenzt ist der Finsterbrunnnerwald. Hier stand einst eine alte Siedlung oder ein Gutshof.

Diese ehemalige Siedlung, bzw. ein Gutshof, erscheint im Jahre 1345 in einer Urkunde (HstAM Abt. 1 – Deutschorden 1192). Diese Wüstung muss in der Nähe, oder im Finsterbrunnerwald gelegen haben. Für diesen Ortsnamen gibt es mehrere Deutungen. Einige Heimatforscher sehen den Namen als einen Schreibfehler an und halten den Ort für das alte Deutschordensgut Finsterbrunn (Häberle, Wüstungen, S.167). Andere leiten den Namen von „monasterium“ (= Abtei) ab, Ernst Christmann sieht unter Abweisung anderer Deutungen folgende Namensform: „zem winster dale“, dies bedeutet „zum linken Tal“ (Christmann: Siedlungsnamen; S.388).
Da die Deutschordenskommende Einsiedel ein eigenes staatliches Gebilde war, hatte niemand außer der Komturei Anrechte auf den Finsterbrunnerwald.
Zur Komturei ist kurz zu sagen:
Auf dem Einsiedlerhof bei Kaiserslautern wurde zu Beginn des 13. Jahrunderts von den Rittern von Hohenecken das Deutschordenshospital an der Strasse nach Landstuhl gegründet. Sie beschenkten es mit Besitz, den auch die späteren Nachfahren derer von Hohenecken noch vermehrten. Hierzu gehörte auch das Gut Finsterbrunn. Bevor das Gut an die Komturei verschenkt wurde, musste es also im Besitz der Hohenecker gewesen sein.

Waldortsnamen des Finsterbrunnerwaldes sind:
Bruchhalde, ein steiniger Felshang oberhalb des Finsterbrunnertals, der seinen Namen nach einem um 1870 angelegten kleinen Steinbruch trägt.
Das Finsterbrunn, ist ein düsteres Seitentälchen das zum unteren Karlstal führt.
Die Finsterhard, ist eine Waldweide oberhalb des Finsterbrunnertals, dieser Name wurde 1600 zum erstenmal schriftlich erwähnt.
Der Franzenberg ist nach einer Franzosenstelllung (1793/94) benannt, hier finden wir noch die steinernen Grundmauern eines alten Franzosenwachturms.
Pionierweg - Foto©UteKW

Wenn man vom Finsterbrunnertal aus den Pionierweg in Richtung Haderwald läuft, findet man unterwegs einige steinerne Zeugen aus dem 19. Jahrhundert.
Steine reden und erzählen, und wenn man ihre Sprache versteht, erstehen ferne Zeiten vor uns, die uns berichten und künden, was einst war. Die Steine sind stehen geblieben als Welten versanken, die sie einst errichtet hatten. Wie die Waldortnamen und Flurnamen haben auch diese alten Steine uns etwas mitzuteieln.
Wer den Pionierweg entlangläuft, dem fallen alsbald links und rechts des Weges mehrere Felsflächen auf, in die sehr schöne Seinmetzarbeiten eingehauen sind. Diese Arbeiten erinnern an ein Ereignis das weit über 100 Jahre zurückliegt. Es sind zum Teil persönliche Hinweise und Wappen von Soldaten des „Königlichen Bayerischen 2. Pionierbataillons“ aus Speyer, die an einem millitärischen Einsatz im Pfälzerwald bei Tripppstadt erinnern.
Sie gehörten damals zum Generalkommando Würzburg, II. Bayerisches Armeekorps, zugeteilt zur IV. Armee – Inspektion München und standen unter dem Kommando von General der Kavallerie E. Ritter von Xylanden.
Etwa in der Mitte des ansteigenden Weges wurde auf einer großen Steinplatte dargestellt, dass man sich hier auf der Fuchs – Steige befindet. Weitere Tafeln und einfache Daten weisen auf die Erbauer des Weges hin. Offiziere und Unteroffiziere des K. B. II. Armee Corps meißelten im Jahre 1896 mehrere Hinweise ein, dass sie es waren, die diesen Weg in die steile Halde des Berges gegraben und gesprengt haben. Die zahlreichen Arbeiten die ja sämtlich von Laien–Steinmetzen in ihrer Freizeit ausgeführt wurden, weisen auf eine verblüffende Professionalität auf dem Gebiet der Steinmetzkunst. Eine besonders wunderschöne Arbeit ist die römische Göttin der Jagd Diana, die allerdings etwas versteckt unterhalb des Weges in einen großen Felshang eingemeißelt ist. Es scheint als wache Diana hier, von ihrer erhabenen Stelle direkt über dem Karlstal, über diese steinige romantische Waldgegend. Und wer vor dem Bildnis der alten Waldgöttin steht, kommt fast nicht umhin, an die Worte Goethes erinnert zu werden:

In diesem Augenbkick, da die inneren anziehenden und bewegenden Kräfte der Erde gleichsam unmittelbar auf mich wirken, da die Einflüsse des Himmels mich anher umschweben, werde ich zur höheren Betrachtungen der Natur hinaufgestimmt, und wie der Menschen Geist alles belebt, so wird auch ein Gleichnis in mir rege, dessen Erhabenheit ich nicht widerstehen kann. So einsam sagte ich zu mir selber, in dem ich diesen ganz nackten Gipfel hinabsehe und kaum in der Ferne ein gering wachsendes Moos erblicke, so einsam sage ich, wird es dem Menschen zu Mute, der nur denn ältesten, ersten tiefsten Gefühlen der Wahrheit seine Seele öffnen will. Da kann er zu sich sagen: Hier, auf dem ältesten ewigen Altare, der unmittelbar auf die Tiefe der Schöpfung gebaut ist, bringe ich dem Wesen aller Wesen ein Opfer“.

Die kleinen Denkmäler, die mit ihren charakteristischen Erscheinungsformen Flur- und Ortsbilder anreichern, haben schon immer die Fantasie der Bevölkerung angeregt und zu bemerkenswerten Sagen und Geschicten Anlass gegeben. Das ist auch hinsichtlich der alten Steinkreuze und Grenzsteine der Fall. Eine fast 5000jährige Geschichte haben die alten Menhire, von denen sich noch einige im Landkreis Kaiserslautern befinden. So auch der „liegende Menhir von Trippstadt“ sowie der „der Menhir von Breitenau“. Die Geschichten, die man sich wohl einst um den Menhir von Breitenau erzählte, sind lange schon vergessen und so steht dieser „lange Stein“, dies bedeutet das Wort Menhir, einsam im Stelzenberger Wald.
Dass dieser uralte Stein von Menschenhand gesetzt wurde davon können wir mit Sicherheit ausgehen, auch, dass es sich um keinen Grenzstein handelt. Das Material besteht aus rotem Sandstein wie er hier in der Umgebung vorkommt.
Dem pfeilartigen Stein entströmt etwas archaisches, man muss ihn in vorkeltischer Zeit suchen, wie alle Menhire, obwohl das Wort Menhir keltischen Ursprungs ist, standen diese geheimnisvollen Monolithen schon an ihren Plätzen als die Kelten die Pfalz besiedelten. Wenn man die weitere Umgebung der Breitenau vorgeschichtlich untersucht, findet man weitere Zeugnisse aus vor- und keltischer Zeit. So stand beim Dansenberger Friedhof einst ein weiterer Menhir und in Hohenecken stand eine Jupitergigantensäule. Diese Säulen sind ein ausgezeichnetes Zeugnis für die Verschmelzung keltischer und römischer Kultur in unserer Heimat. Diese Art der Jupiterdarstellung kannte man in Rom nicht, sie war typisch für die ostgallischen Gebiete.
Warum der Stein gerade hier steht, lässt sich leider nicht mehr einordnen. 20m östlich des Steines befindet sich ein Hügel der einem Gräberfeld ähnelt. Er wurde allerdings nie archäologisch untersucht. Würde es sich um ein Gräberfeld handeln, dann könnte man den Stein dem Totenkult zuordnen.
Möglich wäre allerdings, dass die Römer diesen Stein, der ja lange vor der römischen Eroberung Galliens schon hier gestanden hat, als Grenzstein nutzten, dies taten sie öfters mit den uralten Menhiren. Denn der an den Menhir angrenzende Flurname heißt Breitfeld, so nannte man eine nach römischen Maßen vermessene Flur. Das heißt, der ganze Bezirk war in gleich große Rechtecke eingeteilt. So kann man auch nicht ausschließen, dass die heutige Annexe Breitenau schon zur Römerzeit als Gutshof bestanden hat.
Der alte Hohlweg, der von der Breitenau aus auf die Höhe zum Breitenfeld führt, um von hier aus Stelzenberg zu erreichen, kann durchaus eine Höhenstraße darstellen, da an der Breitenau auch ein uralter Keltenweg von der Sickinger Höhe kommend vorbeiführt.
Auf irgendeine Weise haben die Menhire schon zur vorkeltischen Zeit miteinander in Verbindung gestanden. Der erwähnte Keltenweg, der von der Sickinger Höhe kommt, verläuft westwärts zum Menhir von Rentrich im Saarland und zum Golenstein bei Blieskastel.
Wohl der wichtigste Indikator für vor- und frühgeschichtliche Fundstellen sind Flurnamen, liefern sie doch häufig den letzten Hinweis auf ein ausgegangenes Kulturdenkmal. So verweist der Flurname „Hinkelstein“ oder „Langer Stein“ meist auf Plätze wo einst Menhire standen. In Trippstadt gibt es den Flurnamen „Am Hinkelsacker“.
In der Pfalz sind die Standorte von 29 Menhiren bekannt, die in Gewannen stehen, deren Flurname „Am Hinkelsacker“ oder am „Hinkelstein“ heißt. Flurnamen sind wie Waldortsnamen ein Spiegelbild von Dorf, Stadt und Landesgeschichte. Sie trugen zur Orientierung von Grenzen und Eigentum bei. Ohne Flurnamen wären Aufzeichnungen von Klöstern und jeweiligen Herrschenden überhaupt nicht möglich gewesen. In der Regel tragen sie historische Überlieferungen in sich, besonders die Namen „Hühner- und Hinkelsäcker“. 

hukwa 


Literaturhinweise:
Hans Wagner: Die pfälzischen Haingeraiden.
Otto Rolller: Zu den Axtdarstellungen auf den Förstergrabsteinen von der Heidelsburg bei
Waldfischbach; Mitteilungen des Hist. Vereins der Pfalz Bd. 84.
Th. Zink: Pfälzische Flurnamen: Kaiserslautern 1923.
Th. Zink: Zur Geschichte des Gerichtes Waldfischbach.
Manfred Müller: Die pfälzische Gemeindewirtschaft (Dissertation) Forchheim 1935.
Joh. Lehmann: Urkundliche Geschichte der B urgen und B ergschlösser der bay. Pfalz. 1857.
Otto Wenz: Zur Volkskunde des Pfälzer Holzlandes. 1930.
Albert Becker: Zur kirchlichen Volkskunde der Pfalz. 1933.
Fr. Gerber: Urkunden zur Geschichte des Holzlandes, besonders der dortigen Waldberechtigung.
Manfred Walter: Kranz der Wälder, Der Pionierweg, 1999.
Daniel Häberle: Ein Beitrag zum Kapitel „Hinkelsteine“, in Pfälzisches Museum 1904.
Karlwerner Kaiser: Der große Berg bei Kindsbach im Landkreis KL.


Samstag, 12. Januar 2019

Von Lochbäumen, Bannsteinen und Siebengeschworenen und ihren Geheimnissen

 
Foto©UteKW

Ich erinnere mich heute noch gut an einen seltsamen Brauch in meinem Heimatort. Während des Besuchs der Grundschule wanderten wir einmal im Jahr zum „großen Stein“, so nannte man im tieferen Wald einen alten Grenzstein. Einer von uns Buben musste sich dann symbolisch mit dem Bauch auf den Stein legen und der Lehrer schlug dann mit einer Gerte leicht auf unseren Hosenboden. Ich wusste nicht was dieser Brauch bedeutete. Irgendwann fragte ich meinen Großvater, der Feldgeschworener gewesen war, und er erklärte mir diesen uralten Brauch:
Schon immer bestand in bäuerlichen Kulturen die Notwendigkeit, Grenzen zu markieren. Anfangs waren es natürliche Grenzmarken die man nutzte, also Bachläufe, Flussläufe, Gesteinsformationen, einzeln stehende Bäume oder natürliche Felsen. Über die Römer kam dann die Sitte behauene Grenzsteine zu nutzen zu uns. Es dauerte jedoch bis ins Mittelalter um Grenzsteine einzusetzen, davor waren es die sogenannten Lochbäume, die Grenzen markierten. Da nun Steine beständiger sind als Bäume übernahm man also die römische Art der Grenzsteinsetzungen.
Es bestand immer die Gefahr, dass Grenzsteine manipuliert wurden, erzählte mir mein Großvater, daher setzte man Feldgeschworene oder sogenannte „Siebengeschworene“ ein, die für die Richtigkeit der Grenzsteine garantierten. Es kam im Laufe von Jahrhunderten immer wieder einmal vor, dass Grenzsteine heimlich versetzt wurden, um sich Vorteile zu verschaffen. Um solchen Frevel zu erschweren haben sich unsere Vorfahren einiges einfallen lassen. So wurden Sieben Geschworene benötigt, um einen Grenzstein ordnungsgemäß zu platzieren. Wenn das Werk vollbracht war, legte man einen Buben über den Stein und schlug ihm symbolisch ein paar auf den Hintern. Ihm wurde im Beisein anderer die Tatsache des neuen Grenzsteines regelrecht „eingebläut“. Was auch einen einfachen philosophischen Hintergrund hatte und bedeuten sollte: die Wahrheit ist nicht verrückbar!
So in etwa erklärte mir mein alter Großvater das Brauchtum der „Steinstaufe“, wie wir ihn als Kinder nannten. Er erzählte mir aber auch einiges aus dem Leben der Feldgeschworenen und ihren „Siebengeheimnissen“.
Das Setzen der Grenzsteine wurde von sieben Männern ausgeübt. Diese Männer waren vereidigte Personen und wurden Feldgeschworene genannt. Es gibt eine mittelalterliche „Ordnung für Feldschieder“ und diese nennt sieben Voraussetzungen für eine Ernennung. Mein Großvater hat mir diese Voraussetzungen nie genannt doch ich habe durch eigene Nachforschungen in etwa herausbekommen, was diese Ordnung besagte:
Soll jeder sein im Ort geboren und soll sein zehn Jahre Bürger, ehe man ihn zum Feldschieder machet, derweilen sich in dieser Zeit seine ganze Beschaffenheit zeiget und man erkennet, ob er ein rachsüchtiger und unverschämter Erdenwurm ist; nicht Säufer, ein Spieler, ein Streiter, ein Schwärmer ist; ein ruhiger gelassener, bei jedem Streit gesetzter Mann ist; die Grenzen seiner Nachbarn in Dorf und Feld in Ordnung hält!.

Solche Feldgeschworenen wurden auf Lebenszeit gewählt und auch ihr Schwur währte ein Leben lang, er durfte das Siebenergeheimnis nicht weitergeben, nur an seine Nachfolger. Nun hat mir mein Großvater dieses Geheimnis auch nicht weitergegeben, doch durch Recherchen bin ich hinter einige Geheimnisse dieser alten Feldschieder gekommen.

Das Wort „Grenzstein“ ist noch gar nicht so alt. In alten Zeiten sprach man vom Bann oder einer Mark. Die Urform des Wortes „verbannen“ bedeutet nichts anderes als jemanden aus einem gewissen Machtbereich auszuweisen. Selbst das Wort „markieren“ hat seine Urbedeutung in den alten Lochbäumen und Grenzsteinen. Auf jedem Grenzstein befinden sich spezielle Zeichen – Ortszeichen, Wappen, Jahreszahlen, laufende Nummern. Auf der Kopfseite mancher Grenzsteine befindet sich eine gekerbte Rille, die den weiteren und genauen Grenzverlauf angibt, dies ist die sogenannte „Weisung“. Ändert eine Grenze die Richtung, dann setzte man die sogenannten Haupt- oder Ecksteine. Die dazwischen stehenden Steine nennt man „Läufer“. Bei den Römern war es Brauch, beim Setzen eines Grenzsteines die Münze ihres regierenden Kaisers unter den Stein zu legen. Die Feldgeschworenen übernahmen sozusagen diese „römische Methode“ und legten seltsame Steine, Eisenteile etc. unter die Grenzsteine. Dies blieb ein Geheimnis unter den Siebengeschworenen, das nur an ihre Nachfolger weitergegeben wurde. Und so war es nicht verwunderlich, dass ein Feldgeschworener des 20. Jahrhunderts wusste, was unter einem Grenzstein lag der im Jahre 1744 gesetzt wurde. An dieser Stelle erinnere ich mich auch daran, dass mein alter Großvater einmal geheimnisvoll von einem „Siebenbüchlein“ zu mir sprach ohne mir den Sinn dieses Wortes zu erklären.

Grenzen und Eigentum im Pfälzerwald zu kennzeichnen begann wohl mit der Besiedlung des „monte vosagus“ wie ihn die Römer nannten, zur Zeit der Franken.
Nach der Römerzeit war der Pfälzerwald über Jahrhunderte hinweg als königlicher Forst reines Jagdgebiet, das teilweise beweidet wurde. Etwa im 6./7. Jahrhundert begann man damit die alten Haingeraiden auszuscheiden und die fränkischen Gaugrafen belehnten und beschenkten die ersten Klöster im Pfälzerwald mit Land. Gleichzeitig wurden Waldteile ausgewiesen, um die errichteten Burgen belehnen zu können. Als nun auch noch Städte Wald erhielten, war der alte königliche Forst bis auf den kleinen Reichswaldrest um Kaiserslautern aufgeteilt.
Der Pfälzerwald ist durch und durch kulturgeschichtlicher Boden. In Verbindung mit der Stadt Lautern hat diese Landschaft an der Reichsgeschichte als fränkischen Königshof an der westöstlichen Magistrale von Lothringen an den Rhein Anteil genommen, als Rodungsinsel und Verwaltungsmittelpunkt des in der Merowingerzeit geforsteten Wasgau und zweifelsohne kann man die Wälder um Kaiserslautern als das „Sanssouci“ Barbarossas bezeichnen. Wenn auch der Kaiser seine Burg hier vielleicht nie gesehen hat, so gibt es genügend urkundliche Zeugnisse für den Aufenthalt der Mächtigen in Lautern und im umliegenden Forst. Zwischen Mai 1158 und August 1310 liegen 27 urkundlich einwandfrei bezeugte Aufenthalte römischer Könige und deutscher Kaiser in Lautern.
Wenn die Hohenstaufen von der Kaiserpfalz in Lautern zum Trifels und zur nächsten Pfalz, die sich in Hagenau befand, ritten, war ihr Weg immer der gleiche:
Von Lautern über den Hirschsprung nach Johanniskreuz zum Eschkopf, dort bog man zum Taubensuhl ab und ritt hinunter nach Eußerthal, wo sie im Zisterzienser-Hauskloster ihrer Reichsfeste Trifels einkehrten. Barbarossa dürfte auf dieser Reise gewiss auch eine kurze Rast in seinem geliebten Jagdhaus, am Jagdhausweiher in der Nähe des Aschbacherhofes gemacht haben.
Der Pfälzerwald wurde im frühen Mittelalter vorwiegend von Mönchen besiedelt. Nach 1152, dem Jahr seiner Königserhebung, stiftete Friedrich I. in Lautern ein Marienhospital und überantwortete es Prämonstratensern aus dem oberschwäbischen Kloster Rot an der Rot, das der später heilig gesprochene Ordensvater Norbert von Xanten 1126 hier selbst gegründet hatte. Aufzeichnungen übermitteln uns ein Bild von den Nöten der hier in der Wildnis des königlichen Bannforstes abgesetzten Ordensleute. Wie sich die meisten der Mönche in den dunklen Wäldern fühlten vermittelt eine Anfrage des damaligen Lauterer Spitalmagisters bei der hl. Hildegard von Bingen. Er fühle sich den Belastungen seines Dienstes seelisch nicht gewachsen, schrieb er, und spiele mit dem Gedanken zur kontemplativen Lebensform in der ruhigen Klausur seines Heimatklosters zurückzukehren.

Wo so viele Klöster und Burgen standen musste es auch viele Grenzbäume und später eben Grenzsteine geben. Dort wo die natürlichen Gegebenheiten fehlten, um einen Grenzverlauf zu markieren, benutzte man sogenannte Lochbäume. In den alten Grenzbeschreibungen des 16. Jahrhunderts fallen uns in alten Schriftstücken immer wieder solche Lochbäume auf. Das alte Weißtumb von der Frankenweide aus dem Jahre 1533 beschreibt solche Lochbäume:
....von demselben Stein,.....bis zum Krodenborn, da steht ein Lochbaum, von demselben Lochbaum an der alten Straße nach bis in alte Gefälle, da steht ein Lochstein“.

Wir wissen aus der „Beforschung“ von Velmann, dass im Jahre 1600 in Johanniskreuz zwei Steine und dreizehn Lochbäume standen. Auch am bereits erwähnten Jagdhausweiher stand ein solcher Lochbaum. Velmann schreibt: „Vom Jagdhauser Kopf hinab zum 3. Stein in dem Rombacher Thal, ist ein liegender Fels bei der krummen Buche, oberhalb, da des Kaisers Jagdhaus gelegen, über das Thal hinüber und die Halde hinauf zum Dansenberg“.

Die Markierungen an solchen Lochbäumen wurden mit eine besonderen Axt ausgeführt, der sogenannten Waldaxt, einem fast sakralen Werkzeug, über diese Axt mehr in meinen „Aufzeichnungen über die Haingeraiden Forsten in der Südpfalz“.

Die alten Grenzsteine hüten noch manches Geheimnis. Hier möchte ich nur den seltsamen Henkmantels-Loogstein in der Nähe von Johanniskreuz erwähnen.
Zeichen wie die Wolfsangel auf Grenzsteinen sind wohl bestens erforscht, aber im Gesamtgebiet des Pfälzerwaldes warten noch einige dieser Steine, die ihr Geheimnis noch nicht preisgaben.

hukwa

Literatur Hinweise:
Walter Eitelmann – Rittersteine im Pfälzerwald
Walter Frenzel – Grenzsteine im Pfälzerwald
Daniel Häberle – Des Kaisers Jagdhaus beim Jagdhausweiher; Der Pfälzerwald Heft 6/1906
Michael Münch – Pfälzer Heimat; Heft 1, 1995
Ernst Christmann – Pfälzische Siedlungsnamen
Ernst Christmann – Flurnamen zwischen Rhein und Saar
Ludwig Müller – Chronik von Erzhütten/Wiesenthalerhof
Hans Wagner - Die Haingeraiden im Pfälzerwald

Sonntag, 6. Januar 2019

Kriemhildenstuhl, Königsstuhl und Gerichtsstuhl




Skizze Archiv Geißenbauer


Als Flurname steht das Wort Stuhl in der Regel für eine alte Gerichtstätte. Oftmals um ein sogenanntes Waldgericht, also ein Gerichtsplatz der sich im Wald befunden hat. Ein weiterer Flurname der eine Bezeichnung für Gericht- und Thingplatz bedeutet ist das Wort mal dieses stammt von Mahal ab und bedeutet in altdeutsch malen (= abstecken, messen). Grenzsteine wurden verschiedentlich auch Malsteine genannt. Nach Grimm gehen die topographischen Bezeichnungen wie Mahlberg (Mühlberg), Malberg, Malsted u. ä. Auf ehemalige Gerichtsstätten zurück. Das alte Sprichwort: „Gottes Mühlen, mahlen langsam, mahlen aber trefflich fein“, ist auf diesen alten Flurnamen in seiner Bedeutung als Gerichtsplatz zurückzuführen.
In der Pfalz aber auch in unserem Landkreis haben wir einige „Stühle“ und „Mühlberge“ die mit größter Wahrhscheinlichkeit mit alten Gerichtsplätzen in Zusammenhang stehen. Als Beispiele für „Stuhlnamen“ denke man nur an Landstuhl, Hauptstuhl, Königsstuhl, Kriemhildestuhl (Bad Dürkheim, dort auch Brunhildestuhl).
Bei diesen Gerichtstühlen handelt es sich in der Regel um aufgestellte behauene Steine die als Sitzgelegenheit dienten. Bei den Stühlen die den Namen einer Person tragen, ist zu unterscheiden zwischen Flurnamen, also Gerichtstätten im Freien, und „richtigen“, hölzernen, metallenen oder steinernen Sitzen. So z.B. der steinerne Heinrichstuhl, der heute in der Krypta von St. Emmeram in Regensburg steht, früher aber in der Vorhalle der Kirche gestanden haben soll und dessen Name auf die Lokaltradion auf Kaiser Heinrich II. Zurückführt. Hier handelt es sich um einen Stein in den eine Sitzgelegenheit eingehauen wurde.Ein weiterer Stuhl aus Stein ist der bekannte Karlsthron in Aachen.
Reste eines keltischen Königsteins sind in den zum englischen Coronation Chair gewordenen Edward`s Chair eingefügt worden. Bis 1996 war in diesem Stuhl in einem Hohlraum der berühmte Sonne of Scone eingebaut er wurde Schottland wieder zurückgegeben. Der St. Eduard Stuhl ist der offiziele Krönungsstuhl der Briten.
In der Peterskirche in Rom wird, seit 1666 unzugänglich eingebaut, die Cathedra St. Petri aufbewahrt, die zwar erst aus karaolingischer Zeit stammt, aber der mittelalterlichen Tradition als vom Apostelfürsten Peter gestiftet gilt.
Aus den Haingeraiden sind die sogenannten Geraidestühle bekannt. Diese Gerichtstätten fand man unter anderem in der „Tannenharrd“ zwischen Frankweiler und Siebeldingen, im Feld zwischen Böchingen und Walsheim und bei Venningen.
Karl Moersch schrieb in seiner „Geschichte der Pfalz: „Im Gebiet der Haingeraiden anerkannte man nur die Oberhoheit des Kaisers, nicht aber – als Gerichtsherren – den Landesherren.
Zeichnung: Archiv Geißenbauer

4 Kilometer nordöstlich von Alsenborn liegt das Stumpfwaldgericht, das wahrscheinlich schon in keltisch und germanischer Zeit Gericht und Thingstätte war. Diese Gerichtstätte gehörte zu den drei kaiserlichen Landgerichtstätten im Wormsgau zusammen mit Kaldenberg bei Wachenheim und Stahlberg bei Dirmstein. Die Flurbezeichnung in der die Gerichtstätte liegt heißt zu den Neun Steinen. Die letzte Gerichtsverhandlung wurde hier im Jahre 1688 abgehalten.
In der Chronik von Enkenbach schreibt Friedrich W. Weber über das Stumpfwaldgericht:
Im Jahre 765 war Chrodegang (Nachfolger des Bonifatius), ein Enkel Karl Martells und Neffe König Pippins, Erzbischof in Metz. Er schenkte der Abtei Gorz oder Görze (bei Metz) die villa Isenburg (Eisenberg). In dieser Schenkung einbegriffen, war auch ein Viertel des Stumpfwaldes, genannt Stamp. Hier ist ein Ausgangspunkt für die späteren klösterlichen Besitz- und Herrenrechte in diesem Gebiet. Solche Rechte erstreckten sich später auch auf das Kloster Lorsch und das Kloster Ramsen, das den heiligen Georg als Schutzpatron hatte. In einem Weistum von 1390 ist der Ritter St. Georg als oberster Gerichtsherr auf dem Stampf über Wasser und Weide genannt. Ferner heißt es,dass wer ein Herr ist zu Stauf (Burg Stauf), ein oberster Fautherr und Hüter des Stampfes sei...Als Gerichtsherren werden angegeben die Grafen von Leiningen, die Herren von Stauf und die von Alsenborn...“
Viele der alten Stuhl Flurnamen sind heute überhaupt nicht mehr bekannt. So gibt es allein in der Gegend des Donnersbergs (Pfalz) vier verschiedene „Stühle“ die auch in neuerem Kartenmaterial nicht aufgeführt sind. Gefunden habe ich sie schließlich bei Th. Zink.
In seiner Abhandlung über den Kriemhildestuhl bei Bad Dürkheim schreibt Helmut Naumann: „Nach...halte ich es für wahrscheinlich, dass sich manche der heute noch unerklärten Königsstühle als Rechtsorte alter Waldgenossenschaften erweisen und damit als Zeugnisse alten Genossenschaftsrechtes für den Historiker doch noch ergiebieg werden. In einem Stuhl nur eine Verebnung am Berg oder einen herausragenden Punkt zu sehen, verfehlt in diesen Fällen den Zugang“.
Einen Gerichtstein findet man in Sippersfeld. Im Sippersfelder Dorfweistum von 1554 können wir über diesen Stein lesen: „Wäre es Sach, daß ein armer Mann da bekümmert werde umb schuldt undt nicht zu bezahlen hätte, denn soll der Schultheiß behalten über Nacht, doch morgens umb neun uhr soll ihn der Schultheiß nehmen, und wenn er dazu gebeutet, undt ihm antworten bei dem langen stein, so soll man es denen von Stauf kundt thun, die sollen ihn entfangen und sollen ihn mit ihnen heimführen undt sollen ihn setzen zwischen die vier Mauern,daß ihn der Wind nicht bewehet und der Rhein nicht besprengt. Undt sollen ihn gütlich thun,und sollen ihn zu drey Vierzehntage, alle vierzehn Tage wieder antworten bei dem Langen Stein. Das Gericht zu Sipppersfeld ihn lassen zu besehen, ob er recht gehalten wird oder nicht“. ( Zitiert nach Otto Gödel: Die Feld und Waldgemark von Rosenthal und ihre Grenzsteine; in: Nordpfälzer Geschichtsverein 1977/H1.)


hukwa




Literaturhinweise:
William Palmer. The Coronation Chair, London 1953
Christian Mehlis: Dürkheim und seine Umgebung, 1885
Karl Christ: Die Beziehungen der Nibelungen zum Rhein und Odenwald, 1914
Friedrich W. Weber: Die drei leiningischen Landgerichte im Wormsgau
Helmut Naumann: Brunhold – Kriemhildstuhl: Mitteilungen des Historischen V.d.Pfalz
Otto Gödel: Die Feld und Waldmark von Rosenthal und ihre Grenzsteine
Friedrich W. Weber: Chronik von Enkenbach
Skizzen: Aus dem heimatgeschichtlichen Archiv von Herrn Geißenbauer, Mannheim
Karl Moersch: Geschichte der Pfalz
Fotos Archiv Geißenbauer

Am besten wenn er weint... oder als Ritter Reyner von Hohenecken seine Leibeigene verkaufte

rustica gens est optima flens, sed pessima gaudens“ 
 
Foto©UteKW

Im Breidenborner Kopialbuch das Aufzeichnungen aus der Zeit von 1288 bis 1430 enthält finden sich folgende Niederschriften:

Ritter Reyner von Hohenecken und seine Frau Demud bekunden, das sie ihren Leibeigenen (arman) Peter von Ransweiler für 8 Pfund Heller Philipp von Breitenborn verpfändet haben. Falls die Aussteller den Leibeigenen wieder einlösen, sollen sie erst nach Monatsfrist in ihre Rechte eintreten.
Siegler: Aussteller.
Datum: 1383 feria quarta proxima post dominicam Reminiscere.

Rittter Reinhart von Hohenecken verkauft dem Edelknecht Philips von Breidenborn und Ecke von Kaiserslautern seinen Leibeigenen (armen manne) Huck Scheffer von Breitenau mit Frau und Kindern, die ihm bei der Erbteilung mit seinem Bruder Beymond zugefallen sind, und behält sich allein für seine Person den Wiederkauf mit 10 rheinischen Gulden vor.
Siegler: Aussteller.
Datum: 1387 die nonas Junni.

Ritter Sifrid von Wildenstein tauscht mit Demude von Breidenborn seinen Leibeigenen (der mir zugehörig) Hans Franck gegen deren Leibeigene Katherine, Tochter des verstorbenen Huge Schefer von Neukirchen.
Siegler: Aussteller.
Datum: uff den dinstag vor unser frauwen dag keritzewyhe 1393.

Solche Aufzeichnungen fern jeglicher mittelalterlicher Romantik zeigen uns ein realistisches Bild vom „Glanz und Elend“ (Ferdinand Seibt) des Mittelalters. Denn das Mittelalter war letztendlich nichts anderes als die Geschichte von Mangel, Elend, Krankheit und Hunger.
Der Adel repräsentierte, vor allem in der ländlichen Welt, die öffentliche Autorität. In fast allen Teilen Europas stellte der örtliche Grundherr oder ein von ihm beauftragter Vertreter für die in seinem Herrschaftsbezirk lebenden Menschen praktisch die Regierungsgewalt vor.
Bestimmt haben die Leibeigenen geweint wenn sie oder ihre Kinder verkauft wurden doch ihre Herrschaft hat dies nicht gestört.

Rustica gens est optima flens, sed pessima gaudens“ (Der Bauer ist am besten,wenn er weint, und am schlechtesten wenn er lacht), war ein geflügeltes Wort des Mittelalters. Der Leibeigene galt als ein Untermensch, als ein eher dem Tierreich als der Menschheit zuzurechnendes Lebewesen oder, wie ein bayerischer Beamter es noch 1737 ausdrückte, als Kreuzung zwischen Tier und Mensch.
Die Ursprünge der Leibeigenschaft lassen bis in die unruhigen Zeiten der Spätphase des römischen Reiches zurückverfolgen, als kleine, freie Pachtbauern sich unter den Schutz mächtigerer Herren stellten und Sklaven durch die Ausstattung mit Parzellen zu hörigen Bauern wurden. Die Wirren der darauffolgenden Jahrhhunderte stärkten die Herrschaft der adligen Herren, immer mehr Bauern wurden als Unfreie eingestuft und bis zum 10. Jahrhundert waren die meisten Bauern Hörige geworden.

Der Philosoph und Historiker Christoph Helferich bezeichnete in seiner „Geschichte der Philosophie“ das Mittelalter als „barbarische Übergangszeit“ und der englische Historiker Toynbee sprach über diese Epoche von einer Zeit „tiefen Schlafs“.
Das heute oft unrealistische Bild des Mittelalters hat nie existiert. Mittelalter Romantik beruht auf dem rückwärtsgewanten Weltbild der deutschen Romantik. Wenn Novalis schrieb: „Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte,“ ist dies eine absolut falsche Wiedergabe dieser dunklen Epoche. Vor allem die falsche Auslegung der christlichen Lehre durch die Herrschenden und den Klerus trug zu den Unmenschlichkeiten bei. Die Kirche lehrte das die Innerlichkeit die Wesensbestimmung des Menschen sei was bedeutet dass der Mensch sich von allen äußerlichen abkehren soll um wahrhaft Mensch zu sein. Die Folge einer solchen Einstellung muss Verhängnisvoll sein, denn das Bewusstsein das der Mensch für die Gestaltung der Welt verantwortlich ist kommt gar nicht erst auf und die Welt „schläft“ weiter.
Ein freies Personenbewusstsein wie wir es heute kennen gab es damals nicht, daraus ergibt sich für den mittelalterlichen Menschen der ständige Zwiespalt zwischen Glauben und Realität. Und dieser Zwiespalt beherrscht das ganze Mittelalter.
Geschichte und Geschehen sind durch drei Konstanten in der Geschichtsforschung festgelegt:
durch den Ort, durch die Zeit und durch den Menschen. Den der Mensch ist in seine Epoche hineingeboren und ob er will oder nicht – er muss sich mit dieser Zeit auseinandersetzen!
Papst Innozenz III. (1198 – 1216) schrieb in seinem Werk „Über das Elend menschlichen Daseins“... „Wer gibt meinen Augen den Tränenquell, dass ich beweine den bejammenswerten Eintritt in die Bedingungen menschlichen Daseins, beweine das schuldhafte Fortschreiten menschlichen Lebens, beweine das verdammenswerte Ende menschlicher Vernichtung?“
Er beschreibt die Stufen von Geburt, Leben und Tod wie man im Mittelalter wohl darüber dachte:
Geschaffen ist der Mensch aus Staub, aus Lehm, aus Asche, und was nichtswürdiger ist: aus ekeleregendem Samen. Empfangen ist er in der Geilheit des Fleisches, in der Glut der Wollust, und was noch niedriger ist: im Sumpf der Sünde. Geboren ist er für die Furcht, für den Schmerz, und was noch elender ist: für den Tod“.
Eine starke Trostlosigkeit geht von dem Traktat Innozenz III aus doch es gibt noch einige Texte aus dieser Zeit in der die damalige Welt als „Jammertal“ beschrieben wird.
Im Mittelalter war die Zahl der Menschen die keine Rechte besaßen, wie Leibeigene und Unfreie, sehr hoch gewesen. Da sie Rechtlos waren wohnten sie in der Regel auf dem Hof des Grundherrn, sie durften das Gebiet ihrer Herrschaft nicht verlassen, wenn sie eine Ehe eingehen wollten mussten sie bei ihrem Herrn die Erlaubnis einholen.
Die der Leibherrschaft unterworfenen Leibeigenen waren zusätzlich zur Leistung von Leibzins verpflichtet. In den Augen seiner Herrschaft war der Leibeigene keine Person, sondern eine Sache, ein Teil der beweglichen Habe seines Besitzers.
Tausend Jahe lang stellten Leibeigenschaft und das Fehlen persönlicher Freiheit die Daseinsbedingungen der Mehrzahl der europäischen Landbewohner dar. Sie gehörtem jenem gesellschaftlichen Stand an, der als Bauernschaft bekannt ist. Durch den Zufall der Geburt dieser niedrigsten Schicht zugehörig, waren sie von Rechten, Privilegien und Freiheiten ausgeschlossen, die den anderen Ständen zukammen. Sie waren dazu verurteilt, in Abhängigkeit von denen zu leben, die im sozialen Gefüge über ihnen standen, ihnen zu gehorchen, ihnen Abgabe und Dienste in Form von barer Münze, Naturalien und Arbeitskraft zu leisten.
Erst im 18.Jahrhundert als der „Altweibersommer des europäischen Adels“ begann kam auch das Ende der Leibeigenschaft.

hukwa










Literaturhinweise:
Rössler: Sachwörterbuch zur Deutschen Geschichte.
Breidenborner Kopialbuch 1288 – 1430.
Ferdinand Seibt: Glanz und Elend des Mittelaters – eine endliche Geschichte.
Theodor Schieder: Handbuch der europäischen Geschichte.
Wilhelm Volkert: Adel bis Zunft – Lexikon des Mittelalters.
Papst Innozenz III: Über das Elend menschlichen Daseins.
Archiv von Herrn Geißenbauer.
Die Hohenecker: H.Wagner. Eart art blog.


Dienstag, 1. Januar 2019

Unterwegs zum Kaltenborn

Fotos©UteKW


hukwa

Wald

O schönes Licht 
der Morgenfrühe 
des Tages Glanz erscheint in deinem Leuchten 
in der Stille des Waldes zu sein  
im Atem mit dem Winde gehen 
den Bäumen verbunden sein mit all ihren Wehen 
dennoch 
die Jahre gehen  
singe du mit o meine Seele 
in das erfüllende Licht 
aus dem die Kindheit spricht. 
hukwa

Montag, 31. Dezember 2018

Rauhnächte

 
Foto©UteKW

Das Julfest war das große Winterfest der Germanen, ursprünglich den Seele der Verstorbenen geweiht, die nach germanischen Glauben um die Zeit der Wintersonnenwende ihren Umzug hielten und an Schmaus und Gelage teilnahmen. Das Fest dauerte in der Regel 12 Tage. Im Norden wurde an diesem Fest neben den Geistern auch den großen Göttern, besonders Thor und Freyr, geopfert und Erntesegen für das kommende Jahr erfleht. Ein alter Brauch war es, am Julfest einen großen Eber, das dem Freyr heilige Tier, Gullinborsti, in die Halle zu führen und auf dessen Haupt Gelübde abzulegen. An Stelle des Julfest, trat später unser Weinachtsfest; aber noch heute erinnern, besonders im skandinavischen Norden, verschiedene Gebräuche an das alte heidnische Fest: der Julklap (Weihnachtsgeschenk), das vom Geber heimlich, aber mit lautem Schall ins Haus geworfen wird, der Juleber oder Julbock, ein feines Gebäck, dem ein Eberkopf aufgedrückt ist, Julgrütze, Julbrot, Julfeuer ect.
Wir sehen also auch das Backen von Süßigkeiten geht auf einen alten heidnischen Brauch zurück, wie unsere Weihnachtsgeschenke auch. Die Kirche hat es geschickt verstanden, die alten heidnischen Feste zu assimilieren, um den heidnischen Kult mit der christlichen Lehre zu versöhnen.
Trotz Geselligkeit und Festgelage hatte das germanische Julfest einen düsteren Charakter. Es war ja ein Totenfest dessen Wurzeln fest verankert im Ahnenkult der Germanen war. Die Toten erschienen in dieser Zeit aus ihren Hügelgräbern (Bezug zu Samhain und Allerseelen). Auch Odin kehrte in dieser Zeit zur Erde zurück. Als Anführer der „wilden Jagd“ tobte er wie eine Furie durch die Lüfte. Für Christen war es besonders gefährlich wenn sie die „wilde Jagd erblickten. Die Zeit von der Wintersonnenwende bis zum Dreikönigstag nennt man auch heute noch die Zwölften, den 12 Tage währte die „wilde Jagd“. Landschaftlich unterschiedlich benennt man diese Zeit auch „Raunächte“.
Die Rituale des Julfestes fanden im heiligen Hain statt. Hier wurde dann ein Rad, das mit seiner Achse in einem Eichenstamm stand, unter feierlichen Gesängen und Beschwörungen gedreht, bis die Achse durch die Reibung glühend geworden war und das Stroh das man um das Rad gestreut hatte Feuer fing. An diesem Feuer entzündete man nun den Julblock, einen dicken Eichenstamm, der unbedingt glühend gehalten werden musste. Man kann davon ausgehen das dieses Verbrennen des Julblocks den Sinn hatte, der im Todeskampfe liegenden Wintersonne zu helfen, ihr scheinbar erlöschendes Licht wieder neu zu entzünden. Wir haben es hier also auch mit einem Sonnenritual zu tun. Der Julblock wir so gelegt, dass er langsam und lange schwellt und wird dann mit Saatgut vermischt für die nächste Aussaat, der Julklotz ist also auch Talisman und Glücksbringer.
Trotz seiner Düsterheit hatte das Fest auch seine fröhliche Seite. Zwölf Tage lang wurde nun gefeiert.
Noch lange lebte der germanische Mythos der Raunächte, also der „wilden Jagd“, im Volksglauben weiter. In dieser Zeit glaubte man gingen die Geister um, man sah Werwölfe, Hausgeister tauchten auf und nächtens fuhr Odin mit seinem Anhang heulend und mit Getöse durch die Lüfte.
In Süddeutschland ist es die Bercht, oder auch Percht, die das wilde Heer anführt.
Sie ist eine Erscheinungsform der Göttin Freya, wie Frau Holle auch.
Berchta leitet sich aus dem althochd. Von Berahta ab, was „die Glänzende“ bedeutet. Sie galt ursprünglich als himmlische Sonnengöttin und regenspendente Wolkenfrau und war des Sturmgottes Wotan Gemahlin. Selbst Spinnerin, wie Frau Holle schützt sie die entsprechende weibliche Arbeit, und als Herrin über Wolken und Wind fördert sie das Gedeihen der Frucht. In den Sagen erscheint sie oft als Ahnmutter berühmter Königsgeschlechter, so auch in der Karolingersaga, wo ihr ein eigentümlich großer Fuß nämlich der Schwanenfuß der Göttin Freya beigelegt wird. Die Ähnlichkeiten zu Frau Holla sind eindeutig. Wie diese hütet sie als chthonische Gottheit die Seelen aller Ungeborenen und zu früh verstorbenen Kinder.
In anderen Gegenden wird die Berchta durch Frau Holle ersetzt. Dort saust sie mit der „Windsbraut“ durch die Lüfte. Allerdings ist die Gestalt der Frau Holle weitaus schillernder und ausgeschmückter als die der Berchta. Wenn sie mal gerade nicht durch die Lüfte saust hat sie ihre Behausung an einsamen Quellen, Brunnen und abgelegenen Waldseen. Dort sitzt sie oft und kämmt ihr „goldenes Haar“. Aber schon im Märchen der Brüder Grimm zeigt sich der ambivalente Charakter dieser ehemaligen Totengöttin. Sie belohnt und bestraft die Menschen, ist manchmal mild und manchmal grausam, ist Kinderfreundlich dann wieder eine Kinderschreckgestalt. Am bekanntesten ist sie wohl als Wind- und Schneedämonin. Wenn es schneit, heißt es im Volksmund: Frau Holle schüttelt ihre Bettwäsche oder Frau Holle rupft Gänse.
Der „Frau Holle Tag“ ist der letzte in den zwölf Raunächten, die Nacht vor dem Dreikönigstag. An diesem Tag und in dieser Nacht muss alle Arbeit ruhen.
Nach den Raunächten begann das langsame Hoffen das der Frühling bald wiederkehrt.
hukwa

Es ist wie ein Singen
Geflüster und Klagen
Es schwebt durch die Lüfte
Lange zwölf Nächte
Es ist wie ein Heer
Das braust umher
Es hat sich offenbart
In Regen und Wind
In diesen zwölf Nächten
Hör des Hähers Geschrei
So alt wie die Sterne
Wechselnd die Gestalt
Zieht Wotan umher
Zwölf lange Nächte
Schafft er sich einen neuen Erdenleib
Reitet zur uralten Quelle
Wo mimir wacht
Zwölf Nächte lang
Dannn ist es vollbracht
Wo der Erde entweicht
Nebel und Dampf
Starre eichen ragen Stumm
In ihnen haust das Rabenpaar
Wo die Seherin noch wacht
Wo der Gnom das Erz bewacht
Wo die Windsbraut ganz geschwind
Zwölf lange Nächte
Sich bindet und windet
Kehrt das Echo zurück
Wotan ist entrückt.
H.W. 

hukwa