Montag, 4. November 2013

Über die Schlacht bei Morlautern

von Hans Wagner

„Die Geschichte ist ein Alptraum aus dem ich zu erwachen versuche“
James Joyce

Die herrschende Geschichtsschreibung ist die Geschichtsschreibung der Herrschenden.
Hans Wagner

Wenn man die Niederschrift von Samuel Christoph Wagener liest, wird einem schnell bewusst was Joyce mit obigen Satz meinte.

Wenn es nach dem Großteil der Heimatforscher ginge, dann gäbe es außer einigen großen Namen keine Menschen, sondern lediglich ameisenähnliche Bewegungsteilchen als eine willenlose, lenkbare Masse, die in die Schlachten geworfen wird und wie die Schweine im Schlachthaus namenlos und naturwüchsig verblutet. Die Aufzeichnungen von Wagener zur „Schlacht bei Morlautern“, zeigen uns das wahre Gesicht dieser mörderischen Kriege.


Diese Schlachten die zu den Revolutionskriegen gehörten wurden zu Beginn des ersten Koalitionskrieges (1792 bis 1797) durch die Kriegserklärung Frankreichs an Österreich ausgelöst. Da dieser Krieg nicht dem Heiligen Römischen Reich galt, sondern gegen den „König von Böhmen und Ungarn“ ausgerufen wurde, glaubte sich damals Kurpfalz aus dem Konflikt und den Kampfhandlungen heraushalten zu können. Kurpfalz erklärte strikte Neutralität. Das hinderte natürlich die französische Revolutionsarmee nicht daran, mehrmals durch die linksrheinische Kurpfalz zu ziehen.

In meiner Kindheit auf Erzhütten – Wiesenthalerhof, wo ich aufgewachsen bin, haben wir Kinder beim spielen im Wald immer wieder Gewehrkugeln aus Blei, Koppelschlösser und einmal sogar ein verrostetes Steinschlossgewehr mit abgebrochenem Bajonett gefunden. Als ich älter wurde begann ich mich für die Schlacht von Morlautern zu interessieren, da sie ja im direkten Zusammenhang mit meinem Heimatort stand.
Als am 1. Dezember 1793 die Franzosen sämtliche Stellungen bei Kaiserslautern und Morlautern geräumt hatten registrierte die Koalitionsarmee nach offizieller Zählung 384 Tote, darunter 19 Offiziere. Die Franzosen sollen über 2300 Mann verloren haben, etwa 700 seien in Gefangenschaft gegangen.
Was mich interessierte war – wo befanden sich die Grabstätten der gefallenen Soldaten. Wir wissen bis auf wenige Ausnahmen, nicht mehr wo diese Soldaten begraben wurden, doch es gibt in der Literatur ungefähre Angaben wo diese Soldaten beerdigt wurden.
Man kann davon ausgehen das die meisten Gefallenen im Bereich des Ruhetals (Morlautern) und am Rand des Röschwaldes, also nördlich des Morlauterer Schlachtenfeldes bestattet wurden. Carl Hollensteiner der noch Zeitzeugen befragen konnte und seine Schlachtbeschreibung 1847 in Kaiserlautern veröffentlichte gibt an, dass Zeitzeugen das „Büchelloch“ (Buchenloch) links vom Thierhäusschen angaben, wo die gefallenen regelrecht aufgestapelt wurden. Weiter nennt er den „Hölzengraben“, der an der Straße nach Winnweiler liegt. Julius Küchler weist uns darauf hin dass bei der Galgenschanze ein Massengrab freigelegt worden sei. Bei der evangelischen Kirche in Frankenstein befindet sich der Grabstein eines Offiziers der bei Morlautern schwer verwundet wurde und auf dem Rücktransport verstarb.
Besonders bewegt hat mich die „Klage und Anklage auf dem Schlachtfeld von Morlautern“ des Theologen und Feldpredigers, Samuel Christoph Wagener. In seiner Schrift über „die Pfalz am Rhein und deren Nachbarschaft“ schreibt er:

...„der Wahlplatz war, besonders in den Gegenden bei Morlautern dicke mit Leichen besäet. Mensch und Pferde lagen in ihrem Blute vertraulich nebeneinander, und oft umschlang das gewaltsam herausgerissene Gedärme des Rosses seinen Reiter. Die Gewinnsucht der Marodeure, der Marketender und des andersweitigen Trosses hatte, wie gewöhnlich, unmittelbar nach Beendigung der Schlacht alle menschlichen Körper entkleidet und ihnen selbst das zerrissendste, blutgefärbte Hemd nicht gelassen, weil zuweilen Geld darin genähet ist. Der niedrigste Mutwille dieser gefühllosen Unmenschen hatte mit den französischen Amazonen, die hier an der Seite ihrer Geliebten ausbluteten, den sichtbarsten Unfug getrieben.

Hier, Ihr Großen der Erde, die ihr kriege beschließet, als gelte es das Leben einer schädlichen Insektenart – hier, ihr kleinen Wichte und Sklaven des blutdürstigsten Eigennutzes, die ihr Kriege wünschet und zum Ausbruch der selbigen das Eurige beizutragen nur zu gut versteht - hier solltet Ihr unter Leichen hinwandeln, Euer Werk betrachten und den gewaltsamen Kriegertod in allen seinen scheußlichen Gestalten erblicken. Sehet, wie hier ein Kartätschenschuß die Brust des hingestreckten Kriegers durchwühlte oder ihm Arme und Beine zerschmetterte! Sehet – wie dort, Einer von denen, die ihr geopfert habt, selbst ohne Kopf noch um Vergeltung oder gar noch um Rache rufet! - Hier zwar liegt ein Glücklicher, den eine wohltätige Musketenkugel in der Gegend des Herzens rasch vom Leben zum Tode erlöste: aber dort zehn andere, deren Eingeweide sie brennend durchwühlte und die Ihr so mit dem langsamsten schmerzhaftesten Tode gemordet habt!-

Hier haben Säbelhiebe ein Gesicht zerfetzt und einen Kopf gespalten oder vom arme eine Hand getrennt und einen Bauch aufgerissen, der nun sein Gedärme verschüttet; dort liegt das Blut welches aus euren Degen und Bajonettstichen dahinfloß und euch anklagt, in geronnnener Masse neben dem Erblassten. O, es kann für Euch, die Ihr diese Blutgestalten auf eine oder die andere Art auf Eurem Gewissen habt, unmöglich einen schauderhafteren und schreckensvolleren Anblick geben als diesen hier! Und wenn je eine Zeit kommen sollte, wo ein so tausendfaches Morden nach Würden vergolten wird, dann wehe Euch, die Ihr sie fürchten müsset! -

Allle umliegenden Bauernschaften wurden vom Militär herbeigetrieben und angehalten, die steif gefrorenen Blutgestalten unter die Erde zu bringen und die Lauter von ersoffenen Franzosen zu reinigen. So groß die Zahl dieser Tastengräber auch war, so vergingen doch mehrere Tage, bevor sie das ihnen aufgegebene Geschäft zu vollenden im Stande waren. Zwar waren die Gruben welche sie allenthalben für die Kriegsopfer bereiteten, sehr geräumig, aber eine solche Gruft- gewöhnlich zwölf Schritte lang, halb so breit und ebenso tief,- ist doch immer bald angefüllt, da Mann und Roß gemeinschaftlich hinein geschleppt wurden. Die Eilfertigkeit stürzt dann oft zu viele Leichen hinein und schüttet, zum größten Nachteil für die Bewohner der Nachbarschaft, nur wenig Erde darauf. Kein Wunder daher, wenn ich hier und da aus der Oberfläche einer solchen Grabstätte einen Pferdefuß oder eine Menschenhand hervorragen sah. Aber das Empörendste von allen empörenden Hergängen dieser Tage bleibt in meinen Augen doch immer der Gedanke, dass unter diesen Leichen mancher sein mag, denn bei einer bloßen Verblutung und Ohnmacht einer jener kalten Nächte überfiel, in welchen beide kriegsführende Teile von dem Schlachtfelde sich etwas zurückzogen, und wo dann der Wiedererwachende, ohne Labung und Hilfe, vollends erfrieren musste“. 
hukwa



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