Dienstag, 12. März 2013

Vom Bader, Barbier und Chirurgen

Über die mittelalterliche Aufgabe des Bader Standes

Im Trippstadter Bürgerbuch finden wir in den Einträgen von 1666 und 1890 mehrmals die Berufsbezeichnungen Barbier, Bader und Chirurg. Es sind alte Berufsbezeichnungen aus dem Gesundheitswesen des Mittelalters. Der Bader war sozusagen der „Arzt des einfachen Mannes“. Die arme Bevölkerung die sich keinen Rat bei den klerikalen und studierten Ärzten leisten konnten suchten bei Krankheit den Bader, Barbier oder Chirurgen auf. Für seine Zeit war dieser Berufsstand hoch geachtet und wurde bis ins späte 19. Jahrhundert ausgeübt. Er umfasste das Badewesen, Körperpflege und Kosmetik, kleinere chirurgische Eingriffe sowie Teilgebiete der Zahn- und Augenheilkunde. Der Bader war oft gleichzeitig auch Barbier oder arbeitete mit einem solchen im Badehaus zusammen. Ebenso mit dem Chirurgen. Aus diesen Berufen entwickelte sich der Berufsstand der Wundärzte.
Obwohl hochgeachtet zählte der Bader zu den „unehrlichen Berufen“, die sich anfangs in keiner Zunft organisieren durften.
In manchen Regionen und Städten wurden sie jedoch später in die Zünfte aufgenommen, etwa in Augsburg und Würzburg 1373, in Hamburg 1375. So durchliefen Bader etwa in Wien, wo sich die Zunft der Bader bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, eine handwerkliche Lehre und bildeten einen Stand. Die Laufbahn Lehrling, Geselle, Meister war fest geregelt. Sie mussten eine dreijährige Wanderschaft machen und bei anderen Meistern lernen.
Für die Gemeinde Tippstadt, in der ja 3 Bader nachgewiesen sind, fand sich allerdings kein Hinweis bisher auf ein Badehaus obwohl es ein solches gegeben haben muss (zumindest ein kleines), sonst hätten die Bader ja ihren Beruf nicht ausüben können, es sei denn die Trippstadter Bader haben in Kaiserslautern gearbeitet, was wahrscheinlich nicht der Fall war.
Der Baderberuf ist uns allerdings in Urkunden und Schriftstücken aus Kaiserslautern erhalten.
So erfahren wir über eine alte Urkunde das im Jahre 1583 eine neue städtische Badestube erbaut wird. Durch eine Verordnung des Rates war der Bader gehalten, „an jedem Montag und Donnerstag Bäder bereit zu halten“. Der Aufgabenbereich des Baders erstreckte sich aber nicht nur hierauf, ihm war ferner aufgetragen „das Haar- und Nagel schneiden, Rasieren, die Behandlung äußerer Wunden,
und Schäden, sowie das Schröpfen und Aderlassen bei trinkfesten Personen“. Bei Ausbruch einer Pestseuche mussten die beiden städtischen Bader die Kranken besuchen und dafür sorgen, das Rauchwerk von Wacholder an den Brunnen gemacht, die Gassen gereinigt, das Vieh aus den ausgestorbenen Häusern geholt, der Mist vor den Häusern entfernt und das Ausgießen der Nachttöpfe auf die Gassen unterlassen wurde. Bei ärztlichen Leichenöffnungen (Sektionen) hatte der Bader mitzuwirken, und schließlich gehörte auch noch die Leichenschau zu seinen Amtsobliegenheiten.
Als im Jahre 1348/49 die vom Orient eingeschleppte Pest sich über ganz Europa ausbreitete, beschloss der Lauterer Rat die Errichtung eines Leprosen- oder Feldsiechenhauses, wie dies auch anderwärts bereits geschehen war. Das „Kodenhäusel“, wie das Feldsiechenhaus auch genannt wurde, stand vor dem Fackeltor an der Stelle, wo sich heute die Apostelkirche erhebt. Der Name „Feldsiechenhaus“ besagt schon, dass das Leprosenhaus im freien Felde abseits von bewohnten Gebäuden stand. Man wollte hierdurch vermeiden, dass eine Übertragung und Ausbreitung dieser Seuchenkrankheit auf die Bürger der Stadt erfolgte.
Nach der strengen Ordnung der Stadt von 1350 stand das „Kodenhäusel“ unter der Leitung eines Aufsehers, der Bader war. Zu seinen Pflichten gehörte neben der Heilbehandlung von Kranken deren Beköstigung, die er mittels einer Drehlade in die Krankenräume beförderte. Ferner musste er auch die Aufenthaltsräume säubern. Von Haus zu Haus gehend und auf dem Kirchhof hatte er die Almosen für die Kranken an Geld und Naturalien zu sammeln sowie die Aussätzigen zum Gottesdienst zu führen. Schließlich gehörte noch zu seinem Aufgabenkreis im Falle, dass ein Kranker verstarb, diesen zu beerdigen. Der Rat hatte für diesen gewiss nicht beneidenswerten Posten eines Baders im Feldsiechenhaus eine Jahresbesoldung von 6 Pfund Heller und 1 Paar Schuhe oder an deren Stelle 5 Schillinge Heller ausgesetzt. Von den gesammelten Almosen hatte der Bader auch einen Teil zu beanspruchen. Alle des Aussatzes verdächtigen Personen wurden damals zwangsweise in das Feldsiechenhaus geschafft.
Wenn die Erkrankten zum Gottesdienst auf den Kirchhof (für die wurde der Gottesdienst im Freien gehalten) über die Fackel- und Marktstraße gingen sowie auch auf dem Rückweg ins Feldsiechenhaus, musste dem Trupp eine Klapper vorausgehen, auf deren Zeichen hin alle Straßenpassanten eiligst die Flucht ergriffen, um ja nicht mit dem Transport in Berührung zu kommen.- Erst im 17. Jahrhundert kam das „Kottenhäusel“ außer Gebrauch, sein Name lebt noch heute im Namen des Kaiserslauterer Stadtteils Kotten weiter.
Bei den immer wieder auftretenden Pestepidemien, vor allem 1569, 1597 und 1611, behalf man sich nach wie vor mit der notdürftigen Quarantäne in Feldsiechenhäusern vor den Städten. Schon von der Lage des Friedhofs im Ort her bei auch sonst gänzlichem Fehlen jeglicher Hygiene war dennoch der weiteren Ausbreitung der Pestseuche überhaupt kein Einhalt zu bieten. Die Schilderungen über diese Seuche sind oft so fürchterlich, dass es schwer fällt sie wiederzugeben. Im Hintergrund des dreißigjährigen Krieges, des Durchzuges von Fremden muss man davon ausgehen das die Pest immer wieder ausbrach.
Doch schon vor dem verheerenden Kriege war die Lage mehr als entsetzlich: Allein aus den drei- bis vier erhalten gebliebenen Handschriften im 1661er Band der Lauterer Ratsprotokolle, mit den zuweilen verwirrten Schriftzügen lässt sich bei näherem Hinsehen die Angst und Panik erkennen die überall vorherrschte. Als im September 1611 die Pest wieder auftrat, hatten sich die Befallenen zunächst bloß „des offenen Marktes und der gemeinen Gassen zu enthalten“; dann wurde für junge Personen das Totengeleit verboten; Bader indessen wurden aufgefordert, bei den befallenen Personen „fleißig zu erscheinen“.
Schließlich wurden Leichenpredigten und und das Tote Geleite - völlig eingestellt und Tote blieben unbeerdigt. Im Februar 1612 sollen ganze Straßenzüge völlig unbewohnt gewesen sein. Schließlich hieß es 1625 aus Neustadt, die Pest habe ein Zehntel der Menschen übriggelassen, eine weitgehend zu verallgemeinernde Beobachtung: ganze Dörfer standen völlig leer, sie waren „ausgestorben.“
Seit den großen Pestepidemien der vergangenen Jahrzehnte grassierte eine permanente Pestangst in der ganzen Pfalz. Händler und Wirte, die beispielsweise 1666 von Kaiserslautern, kamen um in Wachenheim Wein einzukaufen, mussten dort ein Artest vorlegen, dass am Ort Ort ihrer Herkunft „gute Luft“, d.h. Keine Ansteckungsgefahr herrsche. Als in Lautern im Oktober jenes Jahres zwei Kinder starben, verstärkte sich die Angst, obgleich sich deren Krankheit als Röteln erwiesen hatte. Stärker wütete die Pest damals im südostpfälzischem Gebiet, besonders im Raum Germersheim, wo erneut ganze Ortschaften vollständig ausgestorben sein sollen. Als die in Kaiserslautern residierende Maria Eleonore von Brandenburg (1610 – 1675), Fürstin von Pfalz Simmern als Witwe von Pfalzgraf Ludwig Heinrich von Simmern, im Jahre 1668 Kaiserslautern verlassen wollte, um die Heilquellen von Wiesbaden aufzusuchen, tat sie das wohl in der Absicht, der drohenden Pestansteckung zu entgehen; der Kaiserslauterer Stadtrat, offenbar mit der Art und Weise der Herrschaftsausübung zufrieden, vermochte sie aber davon abzuhalten, nachdem er ihr dringend geraten hatte, „die Stadt doch in so gefährlichen Zeiten“ nicht zu verlassen, da sie offenbar allein durch ihre vertrauenerweckende Präsenz zu Ruhe und Ordnung beitragen konnte. Im Jahre 1671 ließ Maria von Pfalz – Simmern eine neue Hebamme in Kaiserslautern einstellen, nachdem sie ihren Hofbader ohnehin auch in den Dienst der städtischen Bürger gestellt hatte; desgleichen bemühte sie sich um Sauberkeit und Hygiene in der Stadt. Im folgenden Jahr war dann die Fürstin, offenbar zu einem Kuraufenthalt, dennoch verreist und hatte dabei ihren Hofbader mitgenommen. Da zu dieser Zeit gerade der alte Bader „Petri“ starb, musste man sich sofort nach einem Ersatz umsehen, was auch kurzfristig mit einem geeigneten Mann aus Haßloch gelang, der sich allerdings noch die „Kunst des Schröpfens“ aneignen musste.
hukwa

Lit. Hinweise:
Josef May: Das Gesundheitswesen im alten Lautern; Heimatjahrbuch KL. 1964
Werner Weidmann: Zur Geschichte der Ärzte und Apotheker aus der Pfalz und den umliegenden Gegenden: Jahrbuch zur Geschichte von Stadt und Landkreis Kaiserslautern. Bd.32/33
Albert Becker: Pfälzer Volkskunde; 1925, Frankfurt.
Julius Küchler: Chronik der Stadt Kaiserslautern;
Martin Dolch/Michael Münch: Urkundenbuch der Stadt Kaiserslautern. Otterbach 1994.


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