Dienstag, 13. September 2016

Vergangenes Handwerk und erloschene Berufe in Trippstadt

Der vorliegende Text versucht eine Gesamtschau auf das alte Handwerk in Trippstadt und Berufe von „einst“ zu werfen. Er beschränkt sich auf die Zeit von ca. 1670 bis 1890. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt in einem Zeitraum von ungefähr 200 Jahren. Die Gründe dafür liegen zum einen in der größeren Literatur– und Quellenbasis aus dieser Zeit, doch vor allem in der Tatsache, dass in diesem Zeitraum Handwerksberufe, als auch andere Berufssparten, eine enorme Entwicklung erfahren. Dieser Text will keine sentimentale Rückschau auf eine vergangene „heile Welt“ beschreiben, die es ja eh nicht gab, sondern es ist der Versuch, dem Leser ein Stück Heimatgeschichte aus alter Trippstadter Zeit zu vermitteln.
Es ist der Versuch, ein Bild zu entwerfen über verschiedene Berufe und Tätigkeiten die noch vor etwa 100 Jahren in unserem Ort angesiedelt waren und ausgeübt wurden.
Natürlich gab es diese Berufe auch in anderen Orten der Region. Trippstadt habe ich aus dem Grund ausgewählt, weil für den Ort reichliches Quellenmaterial zur Verfügung steht. Hier möchte ich besonders auf das Bürgerbuch von Heinrich Haas und die Glöckner Datei hinweisen.
Doch Trippstadt ist für eine solche Publikation noch aus anderen Gründen geeignet. Der Ort hatte eine blühende Eisenindustrie, was natürlich unterschiedliche Berufsgruppen anzog; Trippstadt ist waldreich und hat eine Jahrhunderte alte Tradition bei den Waldberufen, auch die Landwirtschaft in Form des Waldbauerntums spielt eine Rolle. Hinzu kommen noch jene „Hausberufe“ wie Leineweber, Seiler, Seifensieder, Korbflechter, usw., die hier ausgeübt wurden. Sämtliche Berufe die hier beschrieben werden kann man in den beiden erwähnten Bürgerbüchern finden und nachlesen.
Es versteht sich als obligatorisch, dass man bei einer solchen heimat-geschichtlichen Recherche immer wieder mal über den „Kirchturm hinaus“ in benachbarte Orte schauen muss, um Vergleiche anzustellen aber auch um ein Gesamtbild zu erreichen. Doch der Hauptinhalt dieses Textes ist Trippstadter Ortsgeschichte.
In den Notzeiten der beiden Weltkriege lebten verschiedene alte Berufe noch einmal auf, wie z.B. die Köhlerei und die Herstellung von Holzschuhen. Wie Forstrat W. Albert berichtet, wurde Holzkohle aus Trippstadt und Kaiserslautern bis in die 1920er Jahre nach Spanien exportiert. In Kaiserslautern gab es bis in die fünfziger Jahre noch eine Holzschuhfabrik. Auch eine Holzschuhmacher Innung, in der Holzschuhmacher und Schindelmacher organisiert waren, existierte bis in diese Zeit in der Pfalz.
Die hier beschriebenen Berufe zeichnen auch das Bild einer Region, eines Ortes nach. Bei vielen dieser Berufe bildete eine kleine Landwirtschaft eine zusätzliche Erwerbsquelle für die Familie. Zu gewissen Zeiten, vor allem aber während der Aussaat und Erntezeiten, wurde für Tage oder Stunden das Handwerkszeug mit dem Ackergerät vertauscht. In Kriegs– und Notzeiten war diese Neben-beschäftigung oft ein lebenserhaltender Faktor.
Bevor ich nun einige Berufsgruppen beschreibe, hier eine Auflistung dieser heute zum Teil nicht mehr existierenden Berufe:
Schindelmacher, Bürstenbinder, Seiler, Leineweber, Ziegler, Bierbrauer, Ölmüller, herrschaftlicher Geldheber, Bader, Tagner, Wolfsjäger, Daubenhauer, Büglerin, Wagner, Schuster, Küfer, Feldschütz, Hammerschmied, Steuereinnehmer, Churpfälzischer Zöllner, Köhler, Korbmacher, Kammacher, Kesselschmied, Blaufärber, Stuhlmacher, Barbier, Pottaschbrenner, Almosenpfleger, Faßbinder, Tuchmacher, Hirte Waldhüter, Pudler, Holzsetzer, Fuhrmann, Färber, Kuhhirte, Hufschmied, Schneider, Einnehmer, Webermeister, Gemeindeschreiber, Blechschmied, Platzknecht, Pflasterer, Hafner, Steinhauer, Steinbrecher, Einleger, Postillion-Kutscher, Schäfer, Seifensieder, Wollspinner, Bordschnitter, Messerschmied, Rotgerber, Papiermacher, Nagelschmied, Nachtwächter, Glasschleifer, Dienstmädchen.


Der approbierte Bader:
In einer einfachen Rasierstube übte er seinen Beruf als Friseur, Wundpfleger und Zahnzieher aus, sofern er nicht seine Kundschaft zu Hause besuchte. Aber auch für andere Schmerzen wusste er oft Rat. Manche Ärzte zogen bei Hausoperationen den Bader als Gehilfen hinzu. Auch für die Leichenschau war er verantwortlich. Er hatte eine Lehrzeit zu absolvieren und musste, in der Regel nach Ableistung seines Militärdienstes, zu einem mehrmonatigen medizinischen Kursus nach Frankenthal, wo die pfälzischen Bader unter der Leitung von Ärzten geschult wurden. Nach Beendigung des Kurses erhielten sie neben einem Diplom die sogenannte Approbation, mit der sie ihr Geschäft betreiben durften.
Mein Großvater, der auf dem Wiesenthalerhof wohnte, erzählte mir, dass er zum Zahn ziehen in den Nachbarort Erfenbach zum dortigen Bader ging. Einen Zahn ziehen zu lassen kostete damals eine Reichsmark.
Im Trippstadter Bürgerbuch finden sich mehrere Bader.

Blechschmied:
Er war mit allen Blecharbeiten vertraut. Neben größeren Arbeiten wie der Herstelllung von Dachrinnen und deren Anbringung reparierte er auch Kochtöpfe und den Wasserkessel. In Trippstadt gab es viele Blechschmiede und man kann davon ausgehen, dass die meisten von ihnen in den Trippstadter Eisenhüttenwerken in den dortigen Eisenberufen gearbeitet haben.

Die Büglerin:
Die besser gestellten Geschäftsleute und Bürger ließen einmal die Woche die Büglerin in ihr Haus kommen, die ihre Wäsche glättete. Sie stärkte und bügelte Vorhänge, Deckchen und Herrenhemden.
Eine bekannte Trippstadter Büglerin war „das Felsenweib vom Karlstal“, mit bürgerlichem Namen Anna Katharina Kaiser, geboren am 13. Februar 1777.

Der Leineweber:
Flurnamen wie Brechkaut, Hanfdelle und Hanfacker erinnern noch heute in Trippstadt an das alte Handwerk der Leineweber. Hauptberufliche Leineweber arbeiteten immer als „Heimarbeiter“. In vielen bäuerlichen Haushalten stand auch ein Webstuhl der den Tagnern und Ackerern ein Zubrot gab. Die meisten Bauern hatten ihren Hanfacker der besonders gepflegt wurde. Sobald geriffelt, gröstet, gebrochen und wieder getrocknet war, besorgten die Frauen das „Schwingen“, dann kam der „Hechelmacher“ und durchzog auf der „Hechelbank“ die Hanfbündel. Nach einigen weiteren Arbeitsvorgängen wurde dann der Flachshanf versponnen. In Trippstadt waren einige Leineweber tätig. Trippstadt hatte 3 Brechkauten: 1. Wo Mandel- und Brotdeich zusammenstoßen, 2. in der Nähe der Schanz, 3. am Friedhof.

Gerber, Schindelmacher, Korbflechter:
Im ehemaligen „Häusschen“ am Ertl, wirkte lange Zeit ein Gerber, daher auch der Name Gerbfeld, eine Gewanne die sich in der Nähe dieses Hauses befindet. Auch der Schindelmacher Johann Kallenbach und der Korbflechter Heinrich Rösel hatten hier ihre Werkstatt.

Der Küfer:
Fässer, Fleisch- und Waschbütten, kleinere Bütten für Sauerkraut und saure Bohnen, Bütten und Fässer in allen Größen, stellte der Küfer her. Es war eine, große Genauigkeit erfordernde Arbeit, ein Fass herzustellen. Aus dem Rohholz, in der Regel Eiche, die Dauen so zu bearbeiten, dass sie sich millimetergenau zu einem Fass zusammenfügten.Am Ende versah man sie mit den Fassböden durch Einklemmen in eine gefräste Nut. Die dann aufgezogenen Fassreifen pressten die Dauen zusammen und nach Einbohren des Füll- und Zapfloches war das Fass fertig. Als Dichtungsmittel wurde Pech oder auch Liesch, eine Sumpfpflanze verwendet.

Der Schweinehirt:
Dieser Beruf ist einer der ältesten Berufe und wird schon in der Odyssee Homers erwähnt. Im Volksmund sagte man einfach „Sauhirt“.
Er trieb die Tiere, die vielen Besitzern gehörten, mit Beginn des Frühjahrs an Feldwege und abgeerntete Felder, bis der Herbst durch nasses und kaltes Wetter den Austrieb beendete. Der Hirt bekam seinen Lohn wöchentlich ausbezahlt und im Herbst bekam er nochmals Naturalien als Entlohnung.
In jeder größeren Ortschaft stand ein Hirtenhaus in dem der Hirte wohnte.

Der Seifensieder:
Der Seifensieder stellte vor allem Kernseife her.

Der Stuhlmacher:
Eigentlich müsste es Stuhlsitzflechter heißen, denn er hat die Stuhlsitze geflochten und repariert.

Der Ziegler:
Unterhalb des Wilensteinerhofes befand sich eine Ziegelei. Der dortige Brunnen heißt noch heute Ziegelbrunnen. In den „Blättern zur Heimatgeschichte von Trippstadt“ - Sonderheft Tripppstadter Flurnamen kann man lesen: „Der für die Ziegelei benötigte Lehm wurde auf dem Wilensteiner Feld abgebaut. In dem Waldhang zwischen Kaltenborner Tal und Wilensteiner Feld ist jetzt noch die Stufe eines diagonal den Hang heraufziehenden ehemaligen Weges zu erkennen. Die Ziegelproduktion dürfte in der Zeit um 1800 eingestellt worden sein, nachdem die Familie von Hacke ihr Eigentum abgeben musste. Ein Gebäude wurde weiterhin zu Wohnzwecken genutzt, über die Zeit des Abrisses, legen keine Unterlagen vor“.

Der Pflasterer:
Mit dem Aufkommen von Teer- und Asphalt für Straßendecken war auch das Geschäft des Pflasterers notleidend geworden und nur noch in Höfen, Ställen und Rinnen beansprucht. Der im Volksmund gebrauchte Ausdruck „Poweier“ für den Pflasterer war kein Schimpfwort, sondern nur eine Verballhornung des französischen Wortes Paveur = Pflasterer oder Steinsetzer, das über die französisch-lothringische Grenze seinen Weg zu uns gefunden hat.

Der Schmied:
Das Berufsbild des Schmiedes bedarf einer etwas längeren Abhandlung in diesem Artikel. Gab es doch in Trippstadt fast sämtliche Vertreter dieser Berufsgruppe: Huf-, Gesenk-, Rad-, Nagel-, Büchsen (Waffen)-, Waagen (Gewicht)-, Kunst und Goldschmied-, Kessel-, Messer-, Blechschmied.
Eine Spezialisierung griff oft in die andere über, so das mehrere solcher Berufszweige von einem Schmied ausgeübt wurden. Auch war es wohl die Eisenindustrie in Trippstadt die viele Schmiedegesellen in unsere Gemeinde lockte. Noch heute sagt ein altes Sprichwort, das man aus einem Schmied einen Schlosser machen kann, aber nicht umgekehrt aus einem Schlosser einen Schmied. Das galt wohl auch für die Eisenverhüttung. Das Berufsbild des Schmiedes ist so umfangreich, das man im Schmied den Mutterberuf für das gesamte Metallhandwerk sehen kann. Doch auch mit vielen anderen Berufszweigen stand das Schmiedehandwerk in enger Verwandtschaft: Schlosser, Klempner, Wagner, Schreiner, Maurer, Müller, Schiffsbauer, Brunnenbauer, Bergmann, Steinmetz, Steinbrecher, Zimmermann, aber vor allem mit dem Landwirt und dem Winzer. Den Schmied zog man bei vielem hinzu, so z.B. wegen seiner tierärztlichen Kenntnisse (Hufschmied), bei der Geburt von Kälbern oder Fohlen. Der Schmiedemeister oder Geselle legte seine Prüfung vor der Handwerkskammer ab, der Hufschmied vor einer staatlichen Prüfungsstelle, so wie das auch vom Apotheker und vom Schornsteinfeger verlangt wurde. Der Hufschmied hatte es ja mit einem Tier, also mit einem lebendigen Wesen zu tun und die Voraussetzung für diesen Beruf war auch das Wissen über Tierheilkunde. In den alten Hufbeschlagsschulen wurden immer auch Tierärzte als Lehrer beschäftigt. Die Vorläufer unserer Tierärzte waren tatsächlich die Schmiede und Schäfer.

Jedes Pferd hat seine eigene Gangart, darauf musste der Hufschmied achten. Auch ob eine Krankheit, ein Senkfuß oder eine Druckstelle vorhanden war. Demgemäß musste er das Eisen anfertigen und anpassen. Voraussetzung für das Anpassen eines Hufeisens ist und war handwerkliches Können. Es wurde nicht groß gemessen, sondern nach Augenmaß gearbeitet. Alle zwei Monate musste ein Pferd neu beschlagen werden.

Mein Großvater erzählte mir, dass noch in den 1920zigern Jahren in Kaiserslautern zwei Nagelschmiede tätig waren. Dies hatte einen einfachen und logischen Grund. Damals gab es noch einige Wagnereien in Stadt und Umland. Es gab zwar schon maschinell hergestellte Drahtstifte, doch die handgeschmiedeten Nägel hatten einen enormen Vorteil: es platzten keine Köpfe ab. Solche handgearbeitete Nägel wurden für die Beschläge an landwirtschaftlichen Wagen und Geräten benutzt aber vor allem an der Deichsel und an den Mück- oder Bremsklötzen.

Eine weitere Spezialisierung im Schmiedehandwerk war der Bergschmied. Ein solcher war tätig im Bergwerk der Gienants auf Erzhütten–Wiesenthalerhof. Seine Aufgabe war es, die zum Bergbau (Erzabbau) erforderlichen Gerätschaften aus Eisen zu schmieden. Er unterstand der Berggerichtsbarkeit, was ihm neben besonderen Privilegien, auch besondere Pflichten einbrachte. Diese waren in der Bergschmiedeordnung geregelt. Legte er die Meisterprüfung ab, musste er eine Kratze und einen Keil anfertigen. Dann musste er vor dem Bergamt den Bergschmiedeeid sprechen. Er gelobte, dass er die Grubengerätschaften in bestem Zustand liefern würde und weder altes noch neues Eisen veruntreuen würde. Ein besonderes Privileg war, dass er eine beschränkte Schank-genehmigung besaß. Er durfte den Bergleuten und den Fuhrknechten Bier und Branntwein als „Labetrunk“ ausschenken.

Oft musste der Bergschmied auch die Arbeit des Kuhschmieds übernehmen. Er musste also Kühe, Ochsen und Bullen beschlagen. Das Erz, das nach Trippstadt transportiert wurde, kam mit Esel- und Ochsenkarren hier an. Vor allem im Winter mussten die Tiere beschlagen werden.

Zimmermann:
Die Arbeit des Zimmermanns ist bekannt. Weniger bekannt ist vor allem die Winterarbeit der Zimmerleute das sogenannte Holzbeschlagen. Dies war eine harte und anstrengende Arbeit. Im Wald wurden die Stämme zu verschiedenen Balken zurecht geschlagen. Manchmal wurde auch ein ganzer Dachstuhl im Wald gezimmert.
So schreibt Johann Keiper über Oberstjägermeister Karl Theodor von Hacke, den Trippstadter Schloss- und Waldbesitzer: „Man erzählt sich heute noch, dass in dem Jahrzehnt 1780 – 1790 Oberstjägermeister Karl Theodor von Hacke seinen Holzanfall vorteilhafter als früher verwertete dadurch, dass er viel Eichenbauholz schlagen ließ, das an Ort und Stelle im Walde zimmermannsmäßig bearbeitet wurde. Deshalb seien die Landleute von weither in den Trippstadter Wald gefahren, da sie dann für ihre Hausneubauten daheim das Eichengebälke nur mehr richtig zusammenzusetzen und zum Dachstuhl aufzuschlagen hatten“.


Literaturhinweise:
Hans Grandke: Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Deutschland mit besonderer Berücksichtigung gegenüber der Großindustrie – Leipzig 1897
Paul Hagger: Handwerk zwischen Idealbild und Wirklichkeit – Stuttgart 1991
Wilhelm Weidmann: Streiflichter durch die Wirtschaftsgeschichte von Stadt- und Landkreis Kaiserslautern – 1976
Rudolf Zorn: Handbuch der Sozialwissenschaftler – 1965
Fritz Schellack
Günter Schifferer: Geschichte des pfälzischen Handwerks

hukwa

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