Sonntag, 20. Juli 2014

Vom Wunder des Wanderns - Ambulator nascitur non fit


Es war Goethe der den Spruch prägte: „Nur wo du zu Fuß warst, warst du wirklich“. Goethe wollte mit diesem Satz einfach aussagen, dass eine bewusste Wanderung weitaus mehr Eindrücke in uns hinterlässt als das Reisen in der Kutsche, heute sagen wir als das Reisen im Auto.
Mit Sicherheit nimmt man die Landschaft bewusster wahr wenn man sie erwandert. Durch eine Landschaft zu Wandern hat etwas mit erfahren zu tun, ich „er – fahre“ die Landschaft. Während einer Wanderung teilt sich mir die Landschaft mit. So ist Wandern auch eine Beschäftigung mit dem eigenen Geist. Während des bewussten Gehens tritt der Moment ein in dem Geist und Körper eine Harmonie bilden und man spürt alsbald eine Ganzheitlichkeit in sich.
In früheren Zeiten, bevor die ersten Eisenbahnen fuhren, war Laufen und Wandern etwas ganz alltägliches. Nur wohlhabende Menschen konnten es sich leisten sich mit der Kutsche oder dem Pferd von Ort zu Ort zu bewegen, die einfache Bevölkerung musste laufen.
Die Wege und Straßen waren damals noch Orte der Kommunikation. Man tauschte sich aus, erfuhr an Brunnen und Dorfplätzen Neues und trug so die Nachrichten in die Städte und Dörfer.
Es war ein buntes Volk das damals die Straßen und Wege bevölkerte. Bauern und Tagelöhner, auf dem Weg zum Feld und zur Arbeit. Viehtreiber, Packesel- und Ochsenführer. Bettler, Viehhändler und Hausierer. Kleine Geschäftsleute die Besen, Schnürsenkel, Schuhe, Uhren, Kräuter, Glas, Bürsten und andere Artikel zu ihren Kunden brachten. Ein buntes Völkchen in bunten Kleidern. Manche hatten aus Leinen genähte sogenannte Quer- oder Zwerchsäcke auf dem Rücken. Andere trugen hölzerne mit Waren beladene Traggestelle, die der Volksmund „Huchen“ oder „Hürdeln“ nannte. Frauen trugen Körbe, sogenannte „Kiezen“ auf dem Kopf.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts tauchten die ersten „Bildungsreisende“ auf den Straßen auf. Studenten, Künstler und Reiseschriftsteller, die auf diese weise Land und Leute kennen lernten und in ihren Büchern über ihre Erfahrungen während des Wanderns berichteten. Zwischen diesem Fußvolk tauchte immer wieder der „Landbote“ auf, der Briefe, Dokumente und Geld zu Geschäfts- und Privatleuten brachte.
Gegenüber uns Heutigen waren die Laufleistungen dieser Menschen mehr als erstaunlich.
Ulrich Bräker (1735 – 1798) marschierte 1756, in preußische Dienste gezwungen, 800 Kilometer von Rottweil nach Berlin in ca. 24. Tagen. Er bewältigte ungefähr 33. Kilometer am Tag.
Der aus Frankfurt stammende Soldat Johann Konrad Friederich ( 1789 – 1858) marschierte 1805 die 33. Kilometer von Dürkheim nach Kaiserslautern in einem Tag. Von Lautern nach Landstuhl lief er in 3. Stunden.
Johann Friedrich Bruch (1792 – 1874) aus Pirmasens lief mit einem Mitstudenten im Oktober 1811 zu Beginn des Wintersemesters in zwei Tagen nach Straßburg - rund 100 Kilometer - „unter beständigem Regenwetter bis auf die Haut durchnässt“.
Etwas bescheidener waren die Laufleistungen von Friedrich Blaul (1809 – 1863) wie in seinen „Träumen und Schäumen vom Rhein“ nachzulesen ist. Sein Tagespensum betrug rund 20 Kilometer (Neustadt – Frankenstein; Frankenstein – Kaiserslautern). Von Kaiserslautern nach Trippstadt allerdings benutzte er die Mitfahrgelegenheit auf einem Fuhrwerk.
Der Meister auf „Schusters Rappen“ war zweifelsohne der Bildungsreisende Johann Gottlieb Seume (1763 – 1810). In seinen Erinnerungen schildert er wie er 1802 von Grimma bei Leibzig nach Syracus in Südsizilien wanderte. Diese strecke ist ungefähr 2300 Kilometer weit und er brauchte zu Fuß vier Monate dazu. In weiteren fünf Monaten bewältigte er den Rückmarsch, zur Abwechslung über Paris, Straßburg und Frankfurt. Er lief seine weg in den gleichen immer wieder frisch besohlten Stiefeln. Zur Verminderung des Gepäckgewichtes trug bei, das er einige seiner mitgeführten Bücher, meist klassische Autoren nach der Lektüre, ganz oder Blattweise wegwarf. Sein 1803 gedrucktes Buch „Spaziergang nach Syracus“ wurde zu einem Bestseller.
Ambulator nascitur non fit: „Spaziergänger kann man nicht werden, man ist es durch Geburt“. Schrieb der vielleicht leidenschaftlichste Wanderer der Weltliteratur H.D. Thoreau in seinem Essay „Vom Wandern“. Und setzte unter diesen Satz die Gedanken: „Ich glaube, das ich meine körperliche und geistige Gesundheit nur bewahre, in dem ich täglich mindestens vier, gewöhnlich jedoch mehr Stunden damit verbringe, absolut frei von allen Forderungen der Welt durch den Wald und über Hügel und Felder schlendere“.
Natürlich kann sich heute der Großteil der Menschen nicht mehr so seinen Alltag verbringen wie das Seume oder Thoreau taten, aber das man sich hin und wieder den „Luxus“ einer größeren Wanderung gönnt das kann sich fast jeder leisten. Am besten auch wieder im Sinne Thoreaus: „Bei meinen Nachmittagsspaziergängen möchte ich meine morgendliche Beschäftigungen und meine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft vergessen“.
Wirkliches Wandern ist eine Lebensphilosophie.
hukwa

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